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A Grain of Change (DE)


ZUG NACH CHOUM

DIE FLUT IN LAAYOUNE

IM HAFEN VON NOUADHIBOU 










ZUG NACH CHOUM     Pdf Version
von Brigitte Uttar Kornetzky
© Brigitte Uttar Kornetzky 2006

Nouadhibou, die Hauptstadt im Norden Mauretaniens, verstaubt und geschäftig, liegt am Ende einer langgezogenen Halbinsel, die sich wie ein mahnender Finger zwischen den gestrandeteten Schiffwracks der Russen ausstreckt.
Wir haben beschlossen, den Zug von Nouadhibou nach dem schnurgerade fünfhundert Kilometer östlich gelegenen Choum zu nehmen, und sind mit dem Nötigsten gerüstet: zwei Wolldecken, warme Kleidung, Brot, ein Paar Früchte und 5l Trinkwasser.

Die Dimensionen sind aus dem Rahmen gefallen.
Zweieinhalb Kilometer, von Horizont zu Horizont, erstreckt sich der Frachtzug mit eingeschränkter
Personenbeförderung. Die Leute behaupten, es sei der längste Zug der Welt, mit Sicherheit aber der langsamste. Ganz vorne die türkisblaue Lok mit zwei Waggons, am Ende zwei weitere Waggons für die Reisenden, wie uns später erst klar wurde, mit unterschiedlicher Preiskategorie. Dazwischen befinden sich mit Eisenschlacke beladene Waggons, die hunderte von Kilometern durch die Sahara holpern. Nichts ahnend steigen wir mit einstündiger Verspätung in einen der beiden Grossraumwaggons. Die Fenster sind teilweise nicht mehr vorhanden, das Glas wurde vielleicht anderweitig  gebraucht, der Saharawind schneidet scharf die Kanten. Die Menschen verabschieden sich. Eine letzte Umarmung, etwas Geld, das schnell noch zugesteckt wird, noch eine durchs Fenster gereichte junge Ziege im Sack, wie die bis zu letzt gehaltene Hand. Ein Frau zieht einen Schuh vom Fuss, den sie zuerst hinter ihrem Rücken versteckt hält, um ihn bei Abfahrt des Zuges gegen das Abteil zu schleudern; eine Geste, die mich ob ihres Rätselcharakters noch lange beschäftigt; quietschend setzt sich der lange Wurm in Bewegung, lässt all die Verbindungen hinter sich. Im gut mit dreissig Personen und endlos vielen Gepäcksäcken übersääten Abteil finden wir Platz gegen Fahrtrichtung, die etwas Windschutz bietet. Da die beiden Personenwaggons am Ende des Zuges angehängt sind, bläst der Wind kräftig von den oberen Wipfeln mit Schlacke vermischten Sand in die Waggons. Die Mauretanis sitzen und liegen auf ihren Säcken mit ihren Kindern und Babys dazwischen, es herrscht eine erstaunliche Friedlichkeit und harsche Disziplin in diesen rauhen Gesichtern, die uns aus den schmalen Augenschlitzen unablässig mustern. Sie haben alles unter Kontrolle.





Nach einigen Stunden, im Halbdunkel, löst sich die gehaltene Stimmung in nervöse Geschäftigkeit, die sich bald als Teestunde zu erkennen gibt. Der Mauretanische Champagner, wie ihn stolz die Berber nennen, ist ein mit mindestens fünfhundert Gramm Zucker angereicherter viertel Liter Flüssigkeit, ich nehme an Wasser, in dem ein Minzblättchen schwimmt. Der kochend gelbe Sud wird schwungvoll von einem Teeglas ins andere gekippt, bis das ganze schaumig geschlagen, herumgereicht und genussvoll mit kleinem abgespreiztem Finger gekippt wird.

Unser Haar ist ohne die traditionelle Kopfbedeckung, steif vom Sandstaub; tonlos verknotete Mikadostäbchen mit Fingern nicht zu glätten. Der Rücken federt schmerzlich gegen die Eisenplanken. Sitzen wird von Stunde zu Stunde mehr zur Qual. Die Schläge werden härter, Eisen auf Eisen, in unerbittlicher Rhythmuslosigkeit. Fahl und verwegen mustern uns dreissig Augenpaare. Wir sind angekommen am Ende der Welt, von er man uns erzählt, dass das nur der Anfang sei. Hinter der mehlweissen Luft beginnt Schwarzafrika. Was machen die hier? Wo kommen die her? Aber keiner sagt was, fragt was. Jeder ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt und wohl damit, die Energieen aufrecht zu halten, an denen Wind und Wüste unerbittlich zehren.

Am Ende des Waggons schaukelt eine Kerze in einer Plastikflasche unter der Decke, bis niemand sie mehr austauscht, upside down. Der Sternenhimmel fällt in den Sand. Alles schläft, nur wir nicht. Die Lautstärke des sich vorwärts schiebenden Zuges hat die zulässigen Dezibel meines Kopfes bei weitem überschritten. Mein Hirn eine einzige tumbe Masse Substanz. Mit den Knieen einen automatischen Schockabsorber für die Kamera simulierend, die in einer grossen Plastiktüte ihr erstes Trauma überstehen muss, wippe ich mit den Fussgelenken dem holprigen Rhythmus des Waggons entgegen. Wir haben noch die halbe Wegstrecke vor uns, insgesamt fünfhundert unvergessliche Kilometer.
Irgendwann stoppt der Zug. Ich lehne aus dem Fenster. Die aufblitzenden Lichter des entgegenkommenden Zuges lassen die Betenden im Sand aufspringen. Tanz mit dem Wind, dem Sand, den Tüchern, alles schemenhaft verstaubt. Mit der Geschäftigkeit des Betens kehrt Stille ein. Für Momente ist mein Geist hellwach, der Geruch nach Zigaretten und Kautabak, aufgepeitscht vom eindringenden Wind, schlägt uns ins Gesicht, bis erneut das Holpern des Zuges jegliche Gedanken lahm legt. Der Waggon sinkt in tiefen Schlaf.





Irgendwann ist endlich. Ein Mann weckt die Schlafenden und ruft Choum, Choum. Grosse Erleichterung, man rüstet zum Aufbruch. Wir sind da, angekommen in einem Nichts, bestehend aus Dunkelheit und verwehten Gestalten. Die Füsse fassen festen Boden, die Gedanken einen ersten Halt an den blinkenden Jeeps; ob die auf uns warten, uns abholen wollen? Tatsächlich springen schwarze Männer aus den Türen und bieten Taxi-und Guidedienste an nach Atar, 3000 Oguya pro Person. Die zweistündige Fahrt, kaum angetreten, endet nach ein paar hundert Metern. Wir werden aufgefordert, umzusteigen in einen Sammeljeep, von dem ich glaubte, dass dies bereits einer sei --, der keineswegs grösser ist. Wir sitzen zu elf Personen zusammengepfercht und absolut unbeweglich, als noch zwei weitere Personen zusteigen sollen. Das ist zuviel. Phil explodiert. Für die Kamera ist das unmöglich, wir brauchen extra Platz. Wir wollen den Sitz bezahlen, was in einem heftigen Disput ausartet. Bevor die Situation eskaliert, ziehen wir uns aus der Affäre zurück. Wir verbringen die Nacht ausserhalb des Dorfes in der Wüste, unter freiem Himmel.

Es ist kalt, wir haben uns zusammengerollt auf einer losen Decke unter der Milchstrasse. Die wenigen Stunden Schlaf bis zum Morgengrauen sind nicht genug, um das Schütteltrauma aus den Knochen zu schlafen. Der Morgen ist weisslich. Wir erwachen in einem mit Dosen, Müll und vertrockneten Schlachtabfällen übersääten Feld am Rand des Dorfes, das uns den Rücken kehrt, und werden, wie könnte es anders sein, bereits von Ferne auf unserer nächtlichen Decke bestaunt wie ein fehlgelandetes Ufo auf einem fliegenden Teppich. Gleichermassen trostlos blicken wir mit unseren sandgestrahlten Augen zurück auf das Dorf, das sich allmählich aus der Dämmerung schält wie jene Frau, die plötzlich gegen den Wind gelehnt in wehenden Tüchern wortlos vor uns steht, und die ich später wieder erkenne als die Tochter unserer Wirtin.




Und sie kam nicht allein. Im Schutz ihrer wehenden orangefarbenen Toga lugen fünf schwarze Augenpaare neugierig auf uns Neuankömmlinge. Allmählich werden ihre Gesten und Lautmalereien bestimmter und zutraulicher, tänzeln einen "Dingdäng-Song" als perfekt gelispelten Kanon in den Sand, in den ich ermunternd einstimme, und der abrupt abbricht. Ein Kind hebt einen Mandarinenschalenkringel weit über seinen Kopf hinaus direkt unter meine Nase. Die Frucht dieses seltenen Fundes hatten wir wenige Minuten zuvor gefrühstückt. Das Kind gibt uns mit ernster Miene und eindeutig zu erkennen, dass es gerne eine Mandarine hätte. Mit dem Ausdruck grossen Bedauerns ziehe ich einen verklemmten Apfel aus der Kameratasche hervor, der sofort Objekt weitaufgerissenen Staunens wird. Das Kind scheint die Grösse des Apfels mit dem eigenen Mund messen zu wollen. Die weissen Zähne blitzen waffengleich in der gleissenden Sonne, aber es beisst nicht hinein. Es scheint den Duft einzuatmen, den Baum, die Blüten, die es noch nie gesehen hat. Der Apfel macht die Runde, dient wie ein Stein als Wurfgeschoss, bleibt liegen in der Hand, die sich zur Drohung erhob, bis sein Arm mit heftigen Bewegungen sich wie ein Jungvogel aus dem Nest einschwingt in den Dingdäng-Song, den weich wiegend der Wind fortträgt über den schwarzen Kontinent.







Zusammengerollte Ziegenhaut hüpft über den Saharaboden, die wenigen Büsche in Sturmrichtung gekrümmt. Am kleinsten Widerstand verfangen sich Plastikfetzen aller Farben und Herkunft. Der Kopf des verkrusteten Kamels, an dem die Krähen ein letztes Stück Leben herauszubrechen suchten, liegt einige Meter entfernt vom Rumpf. Die Wüste nagt unerbittlich an Mensch und Tier.

Die Auskünfte, wann der nächste Zug kommt, könnten heterogener nicht sein, abhängig davon, wer zuletzt die neusten Nachrichten übers Dorfradio empfängt. 18 Uhr, 22 Uhr, 23 Uhr. Will man uns hier behalten, beobachten, um möglichst von Nacht zu Nacht die Courtage zu erhöhen? Nachdem in dem Polizeiposten, einer Hütte aus Lehm und Plastiktüten am Dorfrand aufgeschlagen, unsere Pässe registriert wurden und man uns nachdrücklich zu verstehen gibt, dass Filmen unerwünscht ist, hat man uns ein Restaurant am anderen Ende des Dorfes empfohlen, das wir dankend ansteuern. Ein Kind hilft uns durch das Dorf navigieren, das aus zwei langgezogenen Gebäudereihen besteht, mit einem grossen freien Platz in der Mitte. Wir fragen erneut nach dem Restaurant, als es bereits einbiegt in den Schoss einer freundlichen alten Frau, die im Eingang eines der Lehmhäuser ausgestreckt liegt, umringt von Kindern und Fliegen. Zwei ihrer Grosskinder sind fiebrig, die Kinder jener Frau, der wir am Morgen vor dem Dorf begegnet sind. Im Dorf und der näheren Umgebung von einhundertzwanzig Kilometern gibt es keinen Arzt. Was dich nicht umbringt, stählt dich, versuche ich positiv zu denken, drücke aber erstauntes Bedauern aus. Aus dem einzigen Spielzeug im Raum tönt unablässig der Dingdäng- Song, den ich endlich als "Frère Jacke, Frère Jacke, dormez vous" erinnere, während das Kind seinen Daumen auf der Repeattaste geparkt zu haben scheint. Derartige Trompetentöne und das hohe Fieber scheinen seine Energieen vodooartig zu bannen, so dass es nicht einmal gepeinigt scheint von den Fliegen, die Gesicht und Hände übersähen, und weiterhin gläsern und tonlos durch uns hindurch starrt. Im hintersten, weit offenen Raum des Lehmhauses liegt der ersehnte Ruheteppich. Nachdem der erhoffte Ermunterungsschub auf den mauretanischen Tee hin ausbleibt, strecken wir uns einige Stunden ungestört aus, aber anstelle von erquickendem Schlaf starre ich auf die aus Stücken ausgerissener Eisenbahnschienen und Reissäcken gezimmerte Decke. Die Stabilität, die diese ausstrahlt, beschwört zwangsläufig alle Sciroccos am Horizont meines Kopfes herauf, die sich ein gebeuteltes Hirn in dieser gottverlassenen Gegend ausmalen kann.





Die  Nacht ist eingebrochen. Da wir unsere Wirtin für Ruheraum und Tee bereits entlohnt haben und auch sonst in einer nicht gerade kontaktfreudigen Stimmung sind, verlassen wir das Haus durch die Hintertür, und stehen in wenigen Metern vor dem Zug, der soeben eintrifft; aber es scheint bereits zu spät. Wir rennen den Zug entlang, der sich rechts wie links im dunklen Horizont verliert. Ganz klar: keine Chance. Ein Mann mit fuchtelnden Handbewegungen gestikuliert mich zwei Meter auf die steilen Waggonstufen hinauf. "no" rufe ich entschieden, und steige trotzdem weiter. Über den Waggonrand hinaus türmt sich die Eisenschlacke rechts und links wie eine schwarze Gebetskette. "nein" brülle ich hinunter, "das ist die leibhaftige Hölle". Der Zug setzt sich langsam in Bewegung, der das ganze binnen Minuten in ein sicheres Inferno verwandelt, und springe ab. Wir kehren zurück zu unserer Wirtin, die bereits sich an gleicher Stelle, wie sie uns Tee zubereitet, zur Nachtruhe ausgestreckt hatte, und erfreut und verwundert über das Glück unserer Rückkehr mit ihrem Mann den Preis für die Nacht aushandelt. 3ooo Oguya gibt uns ihr Mann zu verstehen. Wir akzeptieren kommentarlos, erkennen im Dunkel, dass ihm eine Landmine eine Hand und einen Fuss weggesprengt hatte, und schleichen zurück in unsere Lehmkammer.

Am nächsten Tag flüchten wir in die Wüste, um unser Frühstück, etwas Brot und eine Gurke, ohne von Fliegen und Kindern umringt zu sein, einzunehmen. Ab drei Uhr nachmittags, um die seltene Gelegenheit nicht zu verpassen, warten wir auf den Zug. Endlich, nach Sonnenuntergang, langsam grösser werdendes Licht am Horizont. Nach weiteren vierzig Minuten des Wartens in schneidiger Kälte der eingebrochenen Nacht besteigen wir den letzten Waggon, und diesmal ein anderes Abteil. Wir reisen im Dunkeln, mit hie und da aufflackernden Feuerzeugen und Taschenlampen, die für kurze Augenblicke unsere Gegenüber identifizieren, drei Frauen und ein Mann. Das Baby auf der Bank gegenüber schaukelt mit Handybeleuchtung in grünlichterne Träume, aus denen es jäh geweckt wird: "mange, mange!", tönt die unmissverständliche Aufforderung auf hartem Französisch und setzt Spotlight auf eine Schüssel gekochter Kartoffeln, die am Boden des Abteils hin und her geschoben wird, und die ich vage erinnere, in der Stationshütte habe Stunden vor sich hin gaaren gesehen. Gegessen wird mit den Händen, ein Ritus, den ich schon aus Gründen des Kamerahandlings verweigern muss; umso mehr werde ich abermals aufgefordert, mit samt dem gereichten Weissbrot und fünf Fingern in den Reigen des Matschens und Katschens einzustimmen, und die Kartoffeln zu erschaufeln, die in einer undefinierbaren aber wohlschmeckenden Brühe schwimmen. Wir bedanken uns für die überraschende Gastfreundschaft und holen unser restliches Brot hervor, reichen Stücke herum, die unser Nachbar unter dem Schein der Taschenlampe und zu Füssen aller eingehend mustert. Wie die Hände gesäubert werden, bleibt in der Dunkelheit, wie so manches ein Rätsel; aber die Frage erstickt im aufgeregten Gerede der Frauen, die sich in ungeheurer Zungenwendigkeit üben, deren konsonant geschwängerter Singsang wie ein aufgeregter Schwarm junger Stare, die in süsse Obstbäume einfällt, in der Luft steht, aufkreischend und wieder zusammensackend, und sich auch noch diagonal übers Eck mit der auf dem Boden im Gang niedergelassenen Frau verständigen, die ich mittlerweile als unsere Kartoffelköchin identifiziert habe, und die vor sich hin fluchend die drei Frauen unseres Abteils gleichzeitig in Atem hält.

Es dauert nicht lang und mir wird schlecht. Der Saharaschnupfen, den ich mir in dem eisigen Wind eingehandelt habe, macht mir noch nicht klar, welchen Ausgang diese Übelkeit nehmen wird. In jedem Fall suche ich umgehend die Toilette im Waggon auf, davor bereits einige Männer stehen und mir "femme, femme" entgegenrufen. Ich verstehe, glaube darin ein "Besetzt-zeichen" zu verstehen, und versuche klar zu machen, dass ich eigentlich aussteigen will, um dem entsetzlichen Gestank zu entkommen, da der Zug gerade anhielt. Aber das stösst wenig auf Verständnis. Um frische Luft zu erheischen und für das Schlimmste gerüstet zu sein, lehne ich zum offenen Waggonfenster hinaus. Die Männer sind plötzlich verschwunden, der Weg zur Toilette frei. Ich weiss nicht mehr, wovon einem mehr schlecht werden könnte, von der eigenen Ursache der Übelkeit, oder vom Gestank nach Urin im Flur. Als ich die schwimmende Toilette betrete, absolut gepeinigt, wo den Fuss hinzusetzen, ist meiner Übelkeit abgeholfen. Ich bin geheilt, und begebe mich nach einer kleinen notmässigen und unendlich umständlichen Erleichterung an meinen Platz im Abteil zurück.

Auf dem Boden ausgestreckt liegt die Mutter der Tochter des Babys schlafend, wie auch, ausser meinem Mann, das übrige Abteil in tiefen Schlaf gesunken ist. Ihrem leisen regelmässigen Röcheln entnehme ich die hohe Kunst der Unbeirrbarkeit, die sich in den Rhythmus des eisernen Holperns eingebettet hat wie ins rauhe Leben, welches sie dorthin geboren hat. Wir erproben eine weitere ambulante Schlafstellung, jedoch ohne Erfolg; unsere durchgeschüttelten Gehirne flehen vergeblich um Ruhe. Das Delirium wird zum Trauma. Der Morgen graut sich in den Sand. Das grosse Glück des nahenden Tages steht bevor, der eine Ankunft verheisst, Schlaf und eine heisse Dusche.

Vor dem Ausstieg finden wir unsere Brotstücke auf dem Boden, schwimmend in Urin. Für so manches, wie auch dieses, kommt die Erklärung später. In der Unwissenheit, dass das Brot selbst gebacken ist, und also der Annahme, es sei marokkanisches Brot, bleibt eine latente Kriegserklärung zu lesen: Brot und Feindschaft, ein ungleiches Geschwisterpaar, das sich neidet und meidet wie Kain und Abel.

Am Mittag angekommen, geniessen wir wieder das erste Frühstück in den eigenen vier Wänden unseres Campers. Todmüde und erschöpft bewegt sich das Hirn langsam an seinen angestammten Platz zurück. Schwarztee hilft, an die  fast vergessenen Freuden der Zivilisation zu erinnern. Wir sind durchgeschüttelt, unterkühlt. Kopf und Augen brennen; aus der Nase rinnt der Saharaschnupfen, in den Ohren tobt das fahrende Inferno nach. Vor unseren Augen türmen die Dattelscheiche so allerlei Geschäfte auf dem Campus; dicke Packen von Oguya, die schier nie versiegende Quelle mauretanischer Währung unter indigoblauen Kaftans, verwandeln jede Mercedeshaube in einen Bankschalter, wo immer sich die Gelegenheit bietet.





  

DIE FLUT IN LAAYOUNE   Pdf Version
von Brigitte Uttar Kornetzky
© Brigitte Uttar Kornetzky 2006

Rechts und links der vor wenigen Monaten fertig gestellten Hauptverkehrsverbindung zwischen Marokko und Mauretanien hat sich die überschwemmte Sahara in eine Deichlandschaft verwandelt. Ein erstaunlicher Pflanzenteppich erstreckt sich weit zwischen den glitzernden Brackwasser; für die Marokkaner die Inkarnation einer Fata Morgana, echt, grün und blühend. Seit zweieinhalb Tagen regnet es ununterbrochen. Was man nicht mit eigenen Augen gesehen hat, mag man kaum glauben. Die Menschen stehen wadentief mit hoch geknüpften Kaftans auf der überfluteten Strasse nach Laayoune, mit der freien Hand nach einer Mitfahrgelegenheit winkend, die sie in die nächstgelegene, hundert Kilometer südliche Stadt bringt.

In Laayoune ist der Ausnahmezustand ausgebrochen. Die Stadt steht unter Wasser. Der ungewohnte Anblick ist selbst für die Marokkaner ein aussergewöhnliches Ereignis, das diesen Jahrhundertregen noch über Generationen forterzählen wird.

Angekommen in der grossen Stadt schieben die Männer die
liegen gebliebenen Autos von der Strasse, nachdem jegliche Startversuche missglücken, waten in dem knietiefen, braunen Wasser, das aus allen Ecken und Rinnen hervorquillt, sich in den Senken ansammelt mit allerlei Schwemmwerk, das Kinder mit ihren Treträdern hin und her kicken, in spielerischer Missachtung des Ernstes der Lage. Das Wasser spült den Sand wer weiss wohin, vom schräg   abfallenden Rinnsteig zum nächsten Hindernis und weiter an der Hauswand entlang, die quer zur Stromrichtung steht, zurück in die Sahara; alles steht im Austausch, im Fluss; ein nicht endendes Geschiebe und Gesprudel von allem, was nicht niet und nagelfest ist. Ein Kind hüpft barfüssig über das angesammelte Bretterwerk und verschwindet im Hauseingang. Den rudernden Bewegungen der Frau hinter der Tür, die weit offen steht, ist zu entnehmen, dass sie mit dem angespülten Schlamm kämpft, angereichert mit dem sperrigen Schrott der Nachbarn, der Grund ihres Fluchens, während ihr Mann versucht, das Blechdach über ihrem Haupt zu sichern, indem er die verrutschen Blechstücke in die richtige Lage zurück zu werfen versucht; aber er muss in der Eile des heftigen Regens und der drohenden Einsturzgefahr des Daches seine Brille verloren haben, da er häufig sein Ziel verfehlt, und sich unsicher vorwärts tastet. Es muss kräftig ins Haus geregnet haben; die Dachabdeckung hängt derart schief herab, sodass die lose aufeinander gelegten Blechstücke mit der aufgeweichten Pappe ins Rutschen und vor dem Hauseingang neben der entsetzt blickenden Frau für Augenblicke zu stehen kommen, bis die nächste Flutwoge die Blechstücke davonstösst. Eine der hinter der Häuserecke hervorlugenden Ziegen findet das eine passende Gelegenheit, endlich dem sandigen Dasein zu entfliehen und Surfen zu gehen. Sie springt kurz entschlossen auf eines der Bleche, landet, zuerst wankend mit den Vorderbeinen auf einer Art Holzkiste, die auf dem Blech Halt gefunden hat, um dann im sicheren Stand wie ein Kapitän in der eigenen Nussschale davon zu gleiten, den Blick stur nach vorn gerichtet in eine trockenere Zukunft, gefolgt von lose treibenden  Tomaten und Mandarinen, die den Eindruck erwecken, als rolle die wie eine Gallionsfigur aufgestellte Ziege einen Blütenteppich hinter sich aus, bis sie am triefenden Horizont unserem Blick entschwindet. Der Früchteteppich bleibt aufgerollt am nächsten Hindernis hängen, tänzelt hin und her unter den immer tiefer hängenden Wolken und den endlos geraden Wassern, die das Ganze in Bewegung halten. Vor uns ist die Pfütze zu einem See angewachsen. Schwer abzuschätzen, wie tief. Ich beginne zu messen, die Strassenbeleuchtung auf der linken Seite hat einen sichtbaren, ellenhohen Sockel, der bei der Beleuchtung auf der anderen Seite nicht mehr zu sehen ist. Das muss es sein. Knietief darin watend bestätigt eine Frau meinen Ahnung, die sich langsam und unbeeindruckt in den zu stehen gekommenen Wassermassen vorwärts schiebt, die Kleider am Körper klebend, auf dem Kopf balanciert sie ihren turmhohen Einkauf, gefolgt von fünf tobenden Kindern, die anstelle des staubigen Sandes das spritzende Element zu eigenem Vergnügen herausfordern. Mein Blick verfängt sich an zwei runden schwarzen Punkten, die sich in nicht all zu grossem Abstand zur Wasseroberfläche abheben, als sich einer davon umstülpt, ein glänzendes, vor Nässe triefendes Chinesengesicht zum Vorschein kommt, das seinem Gegenüber gestikulierend die Richtung weist. Da lang, mit der verdrehten Spitze in Richtung Stadt deutend. Die schwarzen Schirme scheinen einen würdigen Anlass gefunden zu haben, das sandige Dasein nach langer Standpause hinter verstaubten marokkanischen Türen zu beenden. Nur Momente dauert es, und einer hebt ab und davon, gefolgt von dem hinter dem Schirm her stolpernden Chinesen im blauen Arbeiteranzug, mit dem Lächeln einer ganzen Nation im Gesicht und bis zum Gesäss durchnässt, kämpft er sich mit den kurzen Beinen durchs braune Wasser.

Der Regen lässt nach, die Wolken lichten den Mittag auf; die Imame schwingen ihre Rufe über die frisch gefallenen Wasser von Laayoune. An der Häuserecke, hinter der die vorwitzige Ziege ihren Ritt auf dem Blechdach antrat, findet sich eine Menschenansammlung zusammen, in heftige Diskussionen verstrickt, jedoch ohne einen wahrnehmbaren Laut. Sie gestikulieren, die Schultern auf und ab bewegend, stapfen sie mit den Füssen im Schlamm. Sie scheinen den Körper, der in der Rinne liegt mit dem Gesicht nach unten, nicht zu beachten, ein Arm über den Kopf nach vorn gebogen und seltsam verdreht die Hand. Die Hand eines Schwarzen, mit blassrosa schimmernder Handfläche nach oben gewendet, und einem golden blitzenden Ring, aus der ein Bächlein glitzernder Sterne über das flache Wasser quillt; die langen offenen Finger gekrümmt, als wollten sie eine der schwimmenden Früchte greifen, liegt der Körper regungslos in den Wassern. Das dunkelblaue Hemd, gebläht vom abwärts geneigten Strom, schiebt sich allmählich über das schwarze, kräuselige  Haar. Phil dreht gelangweilt am Radioknopf. "Sittin on the dock on a bay..." tönt es in unmissverständlicher Klarheit aus dem Empfänger, dessen Sendestation mitten im Atlantik auf den Kanaren aufgestellt ist, " wastin`time..."  Unglaublich, denke ich, ausgerechnet jetzt dieser Song von Marvin Gay. Er wurde von seinem Vater erschossen. Unweigerlich sehe ich Bourbon Street vor mir, vergangenes Jahr, etwa zur gleichen Zeit, während der grossen Überschwemmung.

Die Menschen in den Wassern waten von einem Bein auf das andere, setzen einen Fuss vor den anderen, mit ihren Sandalen in den Händen steigen sie barfuss im Kreis, und scheinen einen Gesang anzustimmen neben dem regungslosen Körper, auf den ein gleisendes, seltsames Licht fällt; fluoreszierend, kaltfarben, gelbgrünlich schimmernd, wie das Licht einer Bibliothek oder einer grossen, leeren Halle, deren Raum erfüllt ist vom Schritt einer Person, die diesen Raum gerade verlässt. Sein Arm hat sich mittlerweile weit über den Kopf hinaus gestreckt, wie schlafend, der Erde ergeben und dem Licht, weich ummantelt, umflutet von den scharfen Lichtkegeln der Polizeischeinwerfer und der Presse in ihren weissen Hemden und aufgeräumten Gesichtern und dem Bleistift hinterm Ohr. Jeder der Weisslinge hat einen handteller grossen Spiegel auf den Friedlichen gerichtet, den sie in ihren behandschuhten Händen halten; unberührt und teilnahmslos liegt er da, im Brennpunkt des Geschehens der aufgeregten Reporter und Journalisten, im Weisslicht der Weisslinge, die einen Blitzlichtregen eröffnen, und der geifernden Nachbarn, die ihre Tagesgeschäfte verhandeln; die Mitgift für die Hochzeiten ihrer Kinder, oder die neusten Nachrichten aus der Wüste; lautlos und wie fern gesteuert, in dem kalten flüssigen Sand, der sich anfühlt wie zähes Blei, das zu klumpen beginnt in den Taschen und Ärmeln des Friedlichen; eine Kälte, die das heisse, fluoreszierende Licht zusammenschrumpft unter dem Mittelpunkt der Welt, das den Namen Allahs in den ewigen Sand ruft über die drahtlosen Mikrophone, die Martinshörner der göttlichen Allianz, die an den Masten um ihn herum aufgehängt sind wie hechelnde Hunde, das Geschäft im Namen Allahs zu verrichten, um ihm den Namen Allahs einzuschärfen wie das Brandmal an den Schläfen seiner Geburt, aus blauer Asche,
den Namen des Allmächtigen unter dem Gelächter der Lichtsamen und der Gesteine, aus Mutterglut und Marzipan in milchweisse Kamelhaut eingenäht, den Namen des letzten Gesetzes, das ihn ruft, Abbitte zu leisten, wie es ihm gefällt.

Der Körper bewegt sich. Aus der Unschärfe des herabrinnenden Wassers auf Glas entwickelt sich eine Gesichtshälfte, blässlich, gelb und verschoben, die sich dreht, wie zurecht dreht in der unbequemen Lage zum Rachen der Welt und zur Sonne hin, welche die letzten Wasser trocknet; jenen gleissenden Ton absorbierend, der den elektronischen Körper in den floureszierenden Bann der um ihn schmelzenden und aufzuckenden Flut setzt, für Momente sich wie zu erkennen gibt, einen letzten Atemzug, ein Beben der Nasenflügel, ein Spreizen der Finger, langsam sich in ein letztes Winden aufbäumt, die Hand geballt zur Faust, ehe ein voll beladener LKW in voller Fahrt den sandbraunen See in zwei Hälften teilt und unsere Frontscheibe mit einem plötzlichen Schschschtt für Augenblicke eindunkelt mit der saharafarbenen Brühe, getränkt mit dem Müll der Stadt und der Namenlosen, die der Fahrer, entschwindend am flüssigen Horizont, wie einen vor sich hin sirrenden Faden hinter sich lässt.

Die blaue Neonbeleuchtung beginnt zu flackern über den wenigen Obststiegen, die aufeinander stehen geblieben sind, erlischt zischend, während unsere Frontscheibe abläuft. Ich erhole mich von dem leichten Adrenalinstoss, den diese abrupte Bewegung auslöst. Gebannt und erleichtert starre ich den Mann an der Ecke an, der sich allmählich aus den kakaobraunen Rinnsaalen schält, den dunkelblauen Kaftan mit einem gekonnten Knoten im Nacken bindet, den goldenen Ehering erst zwischen die Zähne nimmt, dann in den Mund, und mit zwei Eimer ähnlichen Behältern auf den Knieen beginnt, den Schlamm von einem Wasser in ein anderes zu schöpfen.

Wir haben beschlossen, die Durchquerung des Sees zu wagen. Die andere Seite verspricht weniger grosse Pfützen und eine irgendwie befestigte Strasse, die befahrbar ist. Auch erspähen wir ein Tor ähnliches Gebäude, das viel versprechend einen grossen Platz freigibt. Hinter jenem Tor
jedoch eröffnet sich anstelle der erhofften Strasse eine mit Pfützen übersäähte breite Schneise, mit verfallenen Hütten und Behausungen, soweit das Auge reicht.

Wir fahren hinein, langsam, um das Unfassbare zu begreifen, in dessen Mitte wir unversehens geschleudert sind. Die Slums von Laayoune. Alte Menschen mit Stöcken, Einbeinige auf selbst gebaute Krücken gestützt, durch den Schlamm hüpfend, nach undefinierbarem Zeugs stochernd, ein etwas unter den Arm geklemmt, ein Stück Stoff, ein Ziegenbein, eine noch trockene Decke, die zu retten wäre, einen nassen Zigarettenstummel in die Zahnlücke geklemmt. Ein altes Paar in blauer Kleidung steht vor seiner halb eingestürzten Hütte, der Regen lastet schwer auf dem uneben aufgetürmten Schrott, der als Dachabdeckung dient; Fahrradteile, zerschlissene Reifenstücke, Holzplanken von irgendwelchen fehlgeschlagenen Baukonzepten in der Wüste, angeschwemmtes Material jeglicher definierbaren und undefinierbaren Art.

Die Alte erspäht meine Kamera. Als ich das bemerke, erwarte ich irgendeine Regung der Beschämung, dass sie vielleicht ihre Hand vor das Gesicht hält und nicht gefilmt werden will, oder mich in einer wegwärts Bewegung zum Weiterfahren befiehlt, doch nichts passiert. In einer Art Apathie gefangen schaut die alte Frau in die Linse und das grosse Dunkel hinter der Kamera, starrt in mein Gesicht und die Welt, aus der ich komme, unberührt und gleichgültig. Vielleicht ist sie kurzsichtig. Ich lächle ihr zu mit offenem und ehrlichem Bedauern, das ich in der Lage bin mit meinem Gesicht auszudrücken, aber sie verzieht keine Miene, steht da wie versteinert im Fluss der Dinge, die nicht aufzuhalten sind, und der letzten Habseligkeiten, die ihr davonschwimmen.

Wir sitzen trocken in unserem europäischen Käfig auf vier Rädern, jeder Spritzer auf der Linse lässt mich zum Putztüchlein greifen und einer Portion Hauch, welcher die Oberfläche des Glases wieder in einwandfreien Zustand versetzt, und vermeidet, die Konzentration des Zuschauers auf den unbeweglichen Fleck auf der Leinwand zu bannen. Wie ich mich schäme. Der Menschen wegen oder meiner selbst wegen schäme oder eben, weil die Dinge so sind wie sie sind. Immer wieder, nur vorsichtiger als anderswo, begleiten uns Kinder und winken in die fahrende Kamera, die ich nicht mehr weiss, wo zuerst hinhalten, wie selektieren, wie blitzschnell die besten Szenen einfangen, das einfach Menschen Unmögliche? Der Gestank ist fast nicht mehr zu ertragen; Müll, Kot, Urin, Schlamm und Geschlachtetes stechen unerbittlich in der Nase. Die Kinder lachen in die Kamera; wenn diese Kinder nicht die Welt retten können?, wer dann!

Die Hütten sind Farbtupfer auf sich verschiebenden Bretterebenen, die zur grossen Apokalypse zusammen gefunden haben, zum Stelldichein der Aussichtslosen; die Ebenen sind ins Rutschen geraten, die Gesichter offen für jeglichen Strohhalm einer Rettung. Ich  gebe zu verstehen, dass ich dokumentiere, was hier geschieht, bin die gute Botin, Vermittlerin zwischen den Welten, Hoffnungsträgerin, die mir selbst zur Last geworden ist, was könnte ich schon tun, bewirken? Die Menschen scheinen zu verstehen, diese Energie des Helfen Wollens, die meine Augen ausstrahlen, da mich nichts anderes in diesen Momenten interessiert. Ich schere mich einen Dreck um die richtige Szene. Lasse die Kamera laufen von Hütte zu Hütte. Verhau um Verhau schieben wir uns vorwärts in der endlosen Kette von aneinander gereihtem Elend. Ein Mädchen im Rüschenkleidchen, in strahlendem weiss, spannt eine Leine, auf der es Dinge zum Trocknen aufhängen will, gleichwohl es immer noch regnet. Erschreckt und beschämt blickt es in die Kamera, bis ich sein Vertrauen gewinne. Es lächelt zurück. Ich heisse Susanna, und schaut uns nach, als wir um die Ecke biegen. Susanna, tönt es in meinem Ohr, ein Klang, der sich an meinen Gaumen heftet wie ein wippender, hängengebliebener Tropfen Tau. In behendem Schritt schwebt Susanna uns nach, von Erhebung zu Erhebung durch die nasse überschwemmte Strasse; die nackten Füsse touchieren kaum den Boden, die langen schwarzen Zöpfe fliegen weit nach hinten, als sie uns überholt und uns wie eine tänzelnde Kriegerin durch die Hölle leitet. Wir folgen ihr, die Kamera ist an ihre Fersen geheftet, gefolgt von einer Heerschar von Kindern, die ihren grossen Auftritt wittern. Susanna läuft schneller und schneller, sie rennt durch die Menschenmenge, und damit es schneller geht, schwebt sie auf den Rücken der Maultiere durch die Menschen der Slumstadt, die rechts und links auseinander stieben. Ausser Atem bleibt sie abrupt stehen vor einer lang gezogenen Bude, ihre schwarzen Zöpfe fallen quer zum verzerrten Gesicht und wie ein Schleier unter die grossen Augen, dahinter finstere Gesichter mit blitzenden Messern stehen, an der die geschlachteten Tiere abhängen. Hier also ist der Metzger der Slums, denke ich, und fluche, dass in diesem Moment die Kamera Tape Ende signalisiert, in genau zwei Minuten. Sie haben mein Zicklein geschlachtet, ruft Susanna in hackigem Französisch, dass sie auf der Strasse gelernt hat, und verschwindet mit ihrem weissen Kleidchen zwischen den abgezogenen Tierleibern. Miss, Miss, you speak english? Gestikuliert ein Kindergesicht durch das geöffnete Fenster auf der Fahrerseite, durch das es kaum hereinschauen kann, bis es auf einer Erhebung zu stehen kommt, und sich für Momente mit inne gehaltenen Worten im Rückspiegel betrachtet, bevor es den Kopf ganz zum Fenster herein streckt. Miss, Miss, ... ich bin Flüchtling aus der Sahara, habe Asyl in der Schweiz, und heftet dabei seinen Blick auf meine Kamera, ohne Phil auch nur zu beachten. Ich muss Ihnen erzählen von der Polizei, die bringt die Kinder um, die ist schlecht...die Polizei, ich bin Flüchtling, ich spreche viele Sprachen, ich kann Ihnen hier vieles zeigen, wenn sie wollen. Du bist verrückt, sage ich, Sie bringen die Kinder um?, wiederhole ich, das Kind im Satz unterbrechend, um sicherzugehen, dass ich in der Aufregung tatsächlich den Recordknopf gedrückt hatte; ich liess keinen Zweifel an der Richtigkeit meines Gehörs. Ja, ja, sie sind so schlecht, viele von uns sind im Gefängnis oder nicht mehr am Leben. Sie ... Der Satz endet abrupt, als von vorne irgend etwas den Wagen  rammt, eine Ziege vielleicht, ein Huhn, ein Kind, keine Ahnung. Und wie abgesprochen ist in diesem Augenblick das Tape zu Ende, das Kind verschwunden.

Ohne mich weiter um das Verbleiben des Kindes  kümmern zu können, das so plötzlich, wie es aufgetaucht war, verschwunden ist, wechsele ich das Tape aus der Kamera zu meinen Knieen, um das Aufsehen des Bandwechsels zu verhindern, und ehe ich noch das neue Band einziehen kann, klopft es mit den starken Fingerknöcheln einer Faust an den Wagen. Ich zucke zusammen. Ein rundlicher, kräftiger Mann in Zivil und mit Handy bewaffnet, schreitet um unsere Box in Richtung Fahrersitz. Halt, was machen Sie hier? Ihre Ausweise bitte. Phil zückt seinen Pass, ich den meinen. Er studiert und notiert alle möglichen, vermerkten Zahlen und Angaben, um die Pässe letztlich einzubehalten. Wir müssen mitkommen. Phil fährt mit dem Offizier in Civil in einem nicht all zu klapprigen PKW, ich folge, selber zum Esel geworden, störrisch und mürrisch mit dem Camper. Diesen Ort, ausgerechnet jetzt, verlasse ich äusserst ungern. Das Schlimmste bereits ahnend, verstaue ich die Kamera während des Fahrens in der grossen, eigens für verstecktes Herumtragen gefertigten Plastiktasche, um später Zeit zu haben, ein neues Band einzulegen. Auf kürzestem Wege an den Militärkonvois vorbei, verlassen wir das Gelände bis zum hohen Zaun auf der anderen Seite des Tores, an das die Strasse nach Agadir stösst. An der Polizeipräfektur angekommen und aufgefordert, mitsamt der Kamera mitzukommen, kommt mir mein Vorteil zu Gute, nur soviel Französisch zu verstehen, wie es der Situation dient. Ich stelle auf nicht verstanden, um Gelegenheit zu haben im Camper das Tape einzuspulen, und verlasse samt Tüte und Kamera unsere mobile Box.

Die Strassenbegrenzung vor der Polizeipräfektur ist nicht mehr zu erkennen. Wir hüpfen in unseren Sandalen über die zum Überweg aufgehäuften Steine und balancieren bis zur ersten Stufe der Präfektur, an die das Wasser heranreicht.  Am Wachpfosten vorbei steigen wir hinauf in den obersten Stock und betreten eines der hinteren Zimmer. Wir werden gebeten, Platz zu nehmen, es dauere eine Weile. Sehr gut, denke ich. Zeit genug, das erste Herzklopfen zu besiegen, den Raum zu studieren, und die Lage zu sondieren. Völlig klar, worum es  geht. Aber wie es geht, nicht klar, macht nervös. Phil redet seine Antworten in die Fragen des Offiziers hinein, der uns hierher gebracht hat, und der den doppelten Platz beansprucht hinter dem Pult wie sein Kollege. Was hat er Dich gefragt, frage ich immer wieder, und blicke dabei Vertrauen erweckend und möglichst naiv in das steinerne Gesicht unseres Vorgesetzten, oder zumindest dessen, der so tut, als sei er eine Autorität. Über seinem Kopf thront die verblichene Fotografie des Marokkanischen Präsidenten, in Fujicolor und Goldrand, von Sonne und Hitze verätzt. Von der Wand sich in der abrupten Feuchtigkeit seit Tagen der Putz schält und einige Schichten farbigen Anstrichs freilegt. Er will das Band sehen. Ich fingere in der Tasche herum, baue die Kamera auf seinem Schreibtisch auf, das dauert eine Weile, genügend Zeit um Hilfsbereitschaft und Wohlwollen glaubhaft zu simulieren, suche das passende Band, unterdrücke ein leichtes Zittern der Finger, als ich es an der falschen Stelle stoppe, fährt es mir heiss durchs Blut. Ich spiele das Band ab. Zu sehen ist Laayoune unter Wasser. Strassenszenen, vorbeifahrende Autos mit aufspritzenden Reifen, Treträder mit Kindern im Wasser, die Frau, die ihren Einkauf auf dem Kopf durch die Wassermassen balanciert, die vorwitzige Ziege, die Amerika entdecken will, der floureszierende Tote an der Ecke, die Polizeiaufnahmen, die Reporter, mit den Füssen einen Plastikdelphin hin und her kickend, alles steht im und unter Wasser. Das ist nicht das richtige Band, knirscht er entnervt durch die zusammengepressten Lippen, hinter denen sich eine breite schwarze Zahnlücke auftut, und schiebt umständlich den Kautabakstummel von einer Seite des Mundwinkels in den anderen. Ich widerspreche, beharre auf der falschen Wahrheit, dass es kein anderes richtiges Band gäbe als dieses vorgelegte, und mir vielleicht ein Fehler unterlaufen sei bei der Aufnahme und dem Wechseln der Tapes, da ich noch am Üben sei, und die Kamera noch nicht lange hätte. Ergeben klopfe ich meine Taschen nach weiteren Tapes ab. Ziehe ein halbes Band mit Krokodilen hervor, das aus Südfrankreich stammt und bereits beschriftet ist. Darauf steht geschrieben: Krokodile. Sehen Sie, ich bin Künstlerin, filme Krokodile, hier steht es, und lege den verständnislosen Gesichtern zwei weitere, leere Tapes vor die Nase, eines noch in Orginalverpackung, das andere geöffnet. Wenn Sie Künstlerin sind, warum filmen Sie nicht die Sanddünen in der Sahara und das Meer? Die Sahara ist nass und sieht aus wie das Meer, gebe ich zur Antwort, und ernte verständnisvolles Kopfnicken, die vorgeschobene Unterlippe des einen konterkariert das verstärkt milde Lächeln des andern, das sich plötzlich ausbreitet in ihren Körpern und Gesichtern und ihrem ganzen nassen Alltag wie Wogen der Behagsamkeit nach einem langen warmen Bad.

Das ist es, das ist das Tape! Sein Kollege reckt den langen Hals um die schwarze Ecke des Suchers, während der andere entspannt zurücklehnt, um das Erhoffte zu erspähen, aber er sieht nur Blau, und blickt fragend und zweifelnd seinen Vorgesetzten von der Seite an. Dieser Himmel ist zu blau für heute, ereifert er sich ob der Richtigkeit der Farben, denn er scheint ja immerhin eine Ahnung zu haben von der künstlerischen Seite, und zupft sich nervös an den gelben Kragenspitzen, die hinter dem olivgrünen Revers hervorlugen. Ausserdem hat es den ganzen Tag geregnet, setzt er nach. Dummkopf, murmelt der Offizier und ereifert sich in seiner Vision, bekräftigt, dass er dieses Band konfiszieren müsse. Ich schüttele energisch den Kopf. Kommt nicht in Frage. Wortlos und offenbar verärgert knallt er den angekauten Kugelschreiber, den er unaufhörlich abwechselnd zwischen den Fingern und der Zahnlücke in entgegengesetzter Richtung wie den Kautabakstengel dreht, aufs Pult, und verlässt mit dem Vorgesetzten den Raum mit der Anweisung, dass sie gleich zurück seien, wobei ich schnell begreife, dass es sich um zwei Vorgesetzte handelt, wir mögen uns einen Moment gedulden. Siegessicher und heftig schlägt er hinter sich die Tür zu. Für Momente gleiten Schauer der Erleichterung durch meine Adern. Aber das Ganze ist noch nicht ausgestanden. Tief durchatmend lasse ich den Blick im Raum schweifen zum Fenster, und strecke meine unter dem Tisch verklemmten Knie und Füsse gerade, unwissend, wie lange diese wohltuende Entspannung anhalten möge. Erstmals bemerke ich den Soldaten in olivgrüner Uniform hinter dem Vorhang, der zumindest der Stofffarbe nach in gleicher Beschaffenheit dasteht wie der Vorhang von der Decke hängt, wohl auch in eben gleicher Steifheit, und den ich deshalb kaum wahrgenommen hatte. Den müssen sie hier für seine Bewegungslosigkeit bezahlen, nicht für die Konzentration, die sich damit verbindet. Unaufhörlich späht er mit dem Opernglas auf die Geschehnisse unterhalb seines Fensters, ungeachtet unserer Anwesenheit. Noch weitere, erforderliche Streckversuche mimend, stehe ich kurz entschlossen auf und strecke mich bis zur Decke, die ich mit Fingerspitzen erreichen kann, um das Gleichgewicht zu bewahren, und werfe den schnellen Blick nach unten durchs Fenster. Von hier oben hat er hat das Quartier im Griff, alles unter Kontrolle. Von hier oben, dem einzigen dreistöckigen Gebäude, das nicht vom Einsturz bedroht scheint, wird jeder Schritt und Tritt und jede Bewegung in den Slums verfolgt. So ist das also gewesen. Die haben uns schon von Weitem erspäht. Also muss ich ihm mindestens zehn blaue Bandminuten überlassen, und lasse mich zurück auf den Stuhl fallen. Bloss wie...?  Da!, ruft er aus, überlassen! Nachdem sich die beiden Offiziere wieder hinter ihrem Schreibtisch in Stellung gebracht haben und die Tür vom Wind ins Schloss schmettert. Noch mal spielen, echoe ich überlegen, und ernte ein stummes, zunickendes Lächeln. Willig lege ich das geöffnete Tape in die Kamera und lasse es abermals laufen. Doch ausser der Farbe blau und einer dahinrauschenden Zeitangabe mit Datum ist nichts zu sehen. Der Offizier starrt gebannt in die Kamera.

Wir müssen das Band konfiszieren. Ich müsse verstehen, dass diese Aufnahmen nicht dem Bild entsprächen, dass Marokko dem künftigen Tourismus zeigen möchte, Bilder der Sahara unter Wasser, das ginge nicht. Die Sahara muss den weissen trockenen Sand haben und Dromedare, die sich auf dem Rücken der Dünen gegen den blauen Himmel abheben, im langgezogenen Schatten der sinkenden Sonne ziehend.
Ich begreife, gebe reuig zu erkennen, dass das das viel bessere Bild sei, und biete kurz entschlossen an, die betreffenden Stellen auf dem Band zu löschen. Die Offiziere schauen sich einen Moment lang fragend an und stimmen
zu. Die erste Hälfte des Bandes ist unverfängliche Wüste, resümiere ich eilig zu mir selber, die Staatsstrasse nach Laayoune, das Meer, Dinge, die nicht ungewöhnlich sind für Reisende. Ich spule das Band zurück an die betreffende Stelle, wo der blaue Himmel ins blaue Meer stürzt, und stelle die Kamera mit der Linse auf den Schreibtisch, drücke den Recordknopf. Zur allgemeinen Vergewisserung bitte ich die beiden Köpfe der Herren über den Sucher, um den aufleuchtenden Recordbutton zu bestätigen. Das Bild tilgt die Erinnerung mit der nächtlichen Tinte des Schreibtischs unserer Vorgesetzten. Nickend und siegessicher lehnen sich die beiden Herren in ihren breiten Schultersesseln zurück, nachdem ich demonstrativ das Mikrofonkabel ziehe. Ich erheische ein triumphierendes Schmunzeln. Braves Mädchen, so ist`s recht!

Ihr armen Dummköpfe, denke ich mit einiger Erleichterung, als ich Kamera samt allem Zubehör zurück in die Tasche packe. Die einzige Tasche, die ich nicht demonstrativ abgetastet hatte, befindet sich direkt in Brusthöhe der schwarzen Kamerajacke, die ich trage, über der Herzkammer, und in dieser das Tape aus den Slums, dass ich für den schlimmsten der Fälle dort versteckt hielt. Immerhin bräuchte es für die Leibesdurchsuchung einen weiblichen Offizier, und das ist unpopulär in Marokko. Ich bedanke mich bei den Herren, dass ich das Tape auf diese Weise erhalten konnte, und bemerke, dass Phil`s verabschiedende Sätze in völlig verspanntem Französisch uns eifrig zur Tür hinaus schieben. Er hat genug von dem Vorfall.








IM HAFEN VON NOUADHIBOU    Pdf Version
von Brigitte Uttar Kornetzky
© Brigitte Uttar Kornetzky 2006


Wir erwarten Mahid in seinem dunkelblauen Mercedes.
Unter dem baumelden Teddybären, der mich an westliche Familienverhältnisse erinnert, klebt heute ein bunter Aufkleber des mauretanischen Präsidenten, der sich vor sechs Monaten ins Amt geputscht hat. Seine drei Mütter seien schon tot, und er habe kein Geld zu heiraten, bekomme ich als Antwort auf meine Frage, wie alt er eigentlich sei. Seine Augen beginnen zu leuchten, als ich von ihm wissen will, was es denn sonst noch so in Nouadhibou anzuschauen gäbe. Familie ist offensichtlich nicht sein Thema, über Politik schweigt er sich aus. Ja, die Fischereizone, in der Trockenfisch für den Export hergestellt wird. Ich ziehe die Brauen hoch, nicke zustimmend, wir steuern in Richtung Hafen, in der wir Tage zuvor die toten Fische haben schwimmen sehen.

Wie nach einem Sturm zusammen geschoben an den Rand des Areals schälen sich die Baracken der Fischer aus dem Sand, mit zahllosen Planken und Verstrebungen befestigt, beschwert mit allerlei Altmetallstücken, keinerlei Idee von Funktionalität ausstrahlend; doch alles scheint nach einem Plan zu funktionieren, für uns Europäer nicht gerade auf den ersten Blick erkenntlich. Ein grosser, freier Platz schliesst sich an das hintere Hafengelände. Von den Eselskarren sind nur noch wenige unterwegs, der Plastikmüll ballt sich zu komplexen Haufen namenloser, strotzender Materie, die im steifen Wind zittert. Vereinzelt laufen Männer und Frauen in irgendwelche Richtungen, aus denen ein entmutigender Gestank zurückschlägt. Ein grosser Haufen liegen gebliebenes Schuhwerk, ausschliesslich weiblicher Herkunft und Kinderschuhe, zieht meine Phantasie für Momente in Bann und in die Abgründe des Menschenschmuggels. Aufgeregt wate ich durch das Meer aus versandeten, zerschlissenen Riemen und Sohlen und losen Schnürchen und Stofflichkeiten, durch die der Sand eine Geschichte säuselt, ohne Namen, ohne Angehörige, ohne Destination und Herkunft, zappelnd im Wind. Im Hintergrund zerschneiden die Schiffswracks der Russen rostbraun das Meer. Wer hat das Schuhwerk gerade hier ausgeschüttet, warum sind die Säcke oder Kisten, in denen man sie transportiert haben muss, verschwunden, und warum verwendet man die Materialien der Schuhe nicht weiter, wie doch hier alles weiterverwertet wird? Und wo ist jeweils der zweite Schuh jenes verfluchten ersten? Woher kommen sie, unter welchen Kleidern waren sie versteckt und warum beachtet sie niemand? So europäisch, wie sie aussehen, sind sie mir bereits auf dem Markt in Nouadhibou begegnet, zwischen all dem Müll und den Früchten, als irgendwie nichts Besonderes. Ich belasse es bei den wenigen diagnostischen Versuchen, die es braucht, um meine Phantasie in Rastlosigkeit zu versetzen, und steige zurück in den wartenden Mercedes, dessen Motor bereits heiss gelaufen ist.

Am Ende des Platzes ragen schwarze Eisenteile in den Horizont. Wir nähern uns den Wracks, umfahren den grossen Platz bis zum Ende, um dann links in die nächste Ansammlung von Baracken einzubiegen, die sich wiederum neben einer grossen Mülldeponie hinzieht; welch schöne, saubere Vokabel eine Mülldeponie doch ist, unter der wir uns ein in sich geschlossenes, eingezäuntes Areal vorstellen, das regelmässig gelättet, eingestampft und mit Geruchsstopper getränkt wird. Dieses Areal aber nimmt die gesamte Fläche ein, geht nahtlos über in die in regelmässigen Abständen in den Boden gerammten Pflöcke, die sich allmählich in ein Labyrinth aus gespannten Leinen, Schnüren und Seilen, und aus dem endlosen Wust flatternder Plastik und Stücken undefinierbarer Herkunft und Eigenschaft verknäulen, den ermüdenden Rhythmus weiterer Bedingungslosigkeiten fortsetzend.

Hier baumeln zum Trocknen aufgehängt, wie tonlose Windspiele, tausende und abertausende halbierter, weissschimmernder Fischleiber in der Mittagshitze; Ständer um Ständer, auf Bauchhöhe zusammengeschnürt. In einer zweiten Schicht werden diese auf grosse Holzsteige gelegt, lose zusammengebunden, um mit einer übergeworfenen Plastik auf den Abtransport zu warten, der je nach Händlerlaune tagelang dauern kann.

Der Gestank entbehrt jeglichen Vokabulars. Er ist erbärmlich, breitet sich auf der Zunge aus, in den Augen und Ohren. Der Wind stinkt. Meine Haut stinkt. Der Himmel stinkt. Ich drehe mich in jene Richtung, aus der dieses Übel herüber weht. Hinter den lose zusammengehaltenen Balken und Ständern mit eingestricktem Plastik, grünen Netzresten und Gegenständen zum Beschweren jeglicher Art, öffnet sich ein weiteres Feld, gesprenkelt mit dunklen Schatten den Horizont hinauf, gespenstisch gegen die Sonne, gegen die Schiffswracks, die im flachen Wasser liegen geblieben sind, Heimstadt der Kraniche, auffliegend in achter Kreisen von Deck, in Newtonringen, Silberfäden. Dosen, denke ich, aufgequollen, verzogen, verkrümmt. Die Sonne brennt bunte Sterne auf die schwarze Linse. Süssliche, funkelnde Blasenwürfe über der Trostlosigkeit der Trostlosen, in Kodakfarben; der Schrei hat eine rote Kruste.

Mein Atem vermeidet tiefer zu gehen, stockt in der Lunge, gräbt die Nasenflügel tiefer in den Schal über dem Sucher.
Aus den wimmernden, sinkenden Eingeweiden, dem Gestank unter der Erde nach Verwesung, die auf Verwesung türmt, rinnt die flache braune Hitze aus den Leibern. Flinke Vögel, Strandläufer, rennen hin und her wie ein wogender fahlgrauer Rattenschwarm, von einem Punkt zum andern, gehetzt Richtung Wasser, wo der Sand aufhört, Richtung Strand, wo das Wasser aufhört. Zwischen der Brandung von Lebendem und Totem gibt es kein Entkommen aus dieser engen Welt, die nach allen Richtungen offen ist ...

Ich schaue zu meinen Füssen hinab. Was ich zuerst als gestrandete rostige Dosen wahrnahm, identifiziert sich in abertausende von Fischköpfen, die rostbraun in der Sonne schmoren, abgetrennt von ihren Leibern, Zeugnis einer grossen Schlacht, die keiner gewann, je gewinnen wird, soweit das Auge reicht. Ich gewähre der Kamera ein erstes Schauen, beginne vor meinen Füssen, arbeite mich zum Horizont vor, gegen den Wind. Handgrosse Muschelschalen knirschen unter den Füssen, während ich mit der Kamera von einem zum andern Haufen torkle.

Am Barackenrand schwingen sich Arme in die Luft wie ausgefranste Bänder unendlichen Rufens, lautes Knurren und Fuchteln mit unkenntlichen Gegenständen, Kinder schleichen wortlos um meine Beine, den Finger im Windschatten der mit Fliegen gespickten Nase, die in der tränenden Feuchtigkeit kleben geblieben sind; den Blick weit und gross in das schwarze Loch der Kamera gerichtet. Die Haare zu abstehenden Zöpfen geflochten, staksen in den Himmel wie das Gestrüpp der Baracken, als ich mich zu ihnen hinunter bücke, gefolgt von schwarzen Flecken, die empor hüpfen und ihre Identität in Sekunden auslöschen. Ein unmissverständlicher Aufschrei scheucht sie weg: wir sollen weitergehen, kein Filmen hier, ich verstehe, und eigentlich muss man nicht wirklich viel verstehen. Ich signalisiere Mahid, dass wir ihn nicht in Gefahr bringen wollen, wenn wir Nouadhibou verlassen haben. Der lächelt und antwortet, dass die uns nichts zu sagen hätten, zu jenen in den Fischbaracken hinüber deutend. Nur Vorsicht mit persönlichen Abbildungen, meint er. Nein, nein, ich nicke zusichernd, und konzentriere mich wieder auf die verrottenden Fischköpfe, bevor diese fliegen lernen und auf unseren Köpfen landen, drehe ich mich passend vor den Hütten zurecht. Aber alle Augen sind wachsam, auch, wenn sie uns den Rücken kehren. Ich spüre die Feldstecher des nahe gelegenen Flughafens auf uns gerichtet. Es ist Zeit zu gehen. Die knapp zwanzig Minuten Tape sind mir das Risiko nicht wert. Wer sich zu lang im Müll aufhält, wirkt verdächtig, das Gesetz der Strasse hat mich das gelehrt; und der Flughafen liegt zielgenau im Hintergrund der leeren, ausgestossenen Fischaugen, die dem wichtigsten Umschlagplatz des Drogen-und sonstigen Handels geopfert wurden, nachts, wenn die Helikopter landen und den Sand der Schlachtungen gegen die Baracken peitschen, und am Ufer die lang gezogenen Boote, überladen mit Flüchtlingen, sich an den metallischen Geruchsfäden hinaushangeln unter dem gütigen Mond, ins offene Meer, von denen es einige schaffen, einige nicht, aus dem Land, dem jeder entkommen möchte.
 
Langsam steigen wir in den geparkten Mercedes und kehren diesem Ort den Rücken. Durch das Seitenfenster tauscht Mahid schnell noch ein paar Marlboro Zigaretten bar auf die Hand des Händlers mit der umgebundenen Trage. Worte und zahnloses Lachen fliegen hin und her. Darin lese ich eine Geste des Vertrauens, und rücke die Kamera zurecht. Auf der rechten Seite passieren wir eine Gruppe Männer und Frauen, die im Kreis stehend, den Fischen die Bäuche aufschneiden, um die Eier zu entnehmen, angeblich zum Versand nach Europa. Was nicht weiblich ist, verrottet elend rechts und links der Baracken. Wir flaxen hin und her, Mahid mit Worten, ich mit Augen und Kamera. Phil wittert Gefahr und will möglichst schnell weiter. Die Kamera hängt bereits am Boden. Der grosse schwarze Kerl mit Messer lacht in die Kamera, nein, das denke ich nur, das Tape zeigt den neuen Präsidenten Mauretaniens in der Windschutzscheibe. Mahid versteht meine Bedürfnisse und verlangsamt, die Frau hinter dem Kerl spricht überraschend mit mir ein freundliches Englisch. Vielleicht kommen sie von Guinee, denke ich blitzschnell, jedoch bevor ich antworten oder die Idee prüfen, ihr Gesicht betrachten kann an den Schläfen, das zwei mal zwei tätowierte Kerben aufweisen müsste, sind wir schon vorbei, in wenigen Kilometern einem weiteren Verirrten in der Staubwolke folgend zurück in die Stadt der zahllosen Geschichten und Abenteurer, der sinkenden Sonne entgegen.



MOTORENVODOO   Pdf Version
von Brigitte Uttar Kornetzky
© Brigitte Uttar Kornetzky 2006


Der Schlaf gebiert Ungeheuer. Leben in Mauretanien im Ausnahmezustand, ein halbes Jahr nach dem Regierungsputsch.

Die letzten einhundert Kilometer in Richtung Süden, sechzig Kilometer hinter der Grenze zwischen Marokko und Mauretanien verlaufen für uns im Schneckentempo. Wir verlieren Kühlerwasser. Nun liegen wir zwangsarretiert in einem Camping am Stadtrand von Nouadhibou, der Hauptstadt Mauretaniens, angespült wie Schiffbrüchige, porös und müde der Verhandlungen, zwölfhundert Kilometer bevor in Richtung Süden die Sahara Occidental an der Grenze zu Mali endet. Seit vier Wochen warten wir auf dem gleichen, sandigen Fleck, mit ausgebautem Motor, der wie ein geschlachtetes Lamm neben dem Ort seiner Bestimmung liegt. Der Camping ist ein Umschlagplatz für Abenteurer und Glückssucher, für Frühpensionierte, Rastlose, Hellerjäger, und jene, die noch gar nicht wissen, wohin die Reise geht, zu denen möglicherweise wir gehören. Das Schicksal, gehüllt in den Stoff der azurblauen Händler in fliegenden Sandalen, hat seine schwarzen Augen auf uns gerichtet. Was haben sie  mit uns vor? Wir werden Geduld geprüft, zurecht gebogen, eingefügt in den Plan Allahs, der bedeutet warten, vertrauen, bezahlen?

Unsere Bedürfnisse sind empirisch einfach. Wir warten auf eine Zylinderkopfdichtung, die von Deutschland aus einen ungewollten Umweg über Johannisburg nach Dakar und zurück genommen hat, und vor drei Tagen unversehrt eintraf; wenn auch in afrikanischer Verpackung zwischen zwei dicke Kartons gelegt, ist die notdürftige Verklebung nicht gerissen. Was  unter normalen Umständen Grund zur Freude ist, hat sich nur in dumpfe Erleichterung verwandelt. Kaum einen Gegenstand mag ich mich je erinnern, heisser ersehnt zu haben. Nun liegt das ellenlange Dichtungsteil mit den unregelmässigen, weich geschwungenen Löchern, durch die das rotkarierte Tischtuch lugt wie eine Burleske, vor mir auf dem sicheren Altar der Hoffnung aufgebahrt, flach und mit blinkenden, Messing farbenen Metallrändern, wo es weder herunterfallen noch verbiegen kann; che bello, bestätigt ein Italiener neugierig und sichtlich vom Tischtuch angezogen, der den gleichen Motor fährt wie wir und so etwas noch nie gesehen hat. Allein, es fehlt am Mechaniker, der aus dem Süden von Nouakchott kommend, morgen hier eintreffen soll. Den Tagen der Verzweiflung ist ein Ende abzusehen; ein weiterer Tag, zwischen tobenden Hunden hinter fliegenden Bällen und Stöcken und im Sand wirbelnden Kindern zwischen all dem Müll und Gestank im Souk und dem unausweichlichen Händlerblau nimmt seinen Lauf.

Ein Reisender sucht ein Ersatzteil, ein anderer will seinen mitgebrachten Kleiderberg, den er auf der Motorhaube aufgetürmt hat, und die Schreibmaschine der Grossmutter verhandeln gegen einen Radwechsel; ein weiterer tauscht am immer geöffneten Schwarzmarkt unter blauen Kaftanen seine Landeswährung in Nähmaschinen, und gegenüber werden Motorengeschäfte abgeschlossen, die in westlichen Breitengraden keinerlei Chance haben auf einen Eigentümerwechsel. Eine Hand wäscht die andere, ein Fahrzeugteil wird in ein anderes ausgewechselt. Europas Müll findet die letzte Ruhestätte im ewigen Sand. Der Wind jagt den Sand den Hunden hinterher. Der Autohandel floriert und steigert sich in höhere Dimensionen als anderswo im Land. Dem Taxigeschäft dient alles, was vier Räder hat und sich von der Stelle bewegt, egal wie, gleich wohin; so finden in einem normalen Personenwagen nicht selten neun Personen Platz, hinten fünf und vorne vier, Babys zählen nicht. Phantasie und Zeit sind keine Grenzen gesetzt, dem einzigen Kapital der Mauretaniis, die unermüdlich den leeren Magen durch den Kopf spielen lassen wie eine Gebetskette. Vom Mercedes aller Klassen über selbst gebastelte Busse und halbierte Wohnmobile, die auf Lastkraftwagen montiert sind, wird jeder fahrbare Untersatz bis aufs Mark geprüft, bevor es darum geht, das restliche Dasein zu fristen in der Wüste und unter freiem Himmel. Träumen oder wachen wir. Das Erwachen wird von Tag zu Tag ernüchternder, je weiter wir in den Schlund dieses Treibens geraten. Eine Problemlösung dauert vier Wochen, das nächste Problem steht in wenigen Stunden, gar Sekunden vor der Tür, und dauert wer weiss wie lange, gelöst zu werden. Und weil Probleme Geld bringen, hat jeder Zeit, sich lange Lösungen einfallen zu lassen. Philip ist müde vom Frage und Nicht-Antwort-Spiel, ich halte mich zäh und jenseits der französischen Welt. Wir kommen in die fünfte Woche des Wartens.

Mit grossen, leeren Augen starre ich durch das einströmende Gegenlicht, das zwischen den halb geöffneteten Vorhängen hervorquillt. Der Morgen nach dem Morgen danach. Ein Hund rennt wie ein gehetzter Schatten in regelmässigen Abständen durch das sandweisse Bild, von links nach rechts, von rechts nach links, gefolgt von einem noch kleineren Gefährten, der ihn jagt. Die Dynamik des Ausnahmezustands wächst mit den Hunden, hält uns in Bann, nimmt uns gefangen in den Grotesken des Wartens. Motorengeräusche aller Art, ob stotternd, stockend, oder hochtourig aufheulend, zehren an den Nerven und erinnern unangenehm an unseren Schiffbruch. Der Geschmack nach Müll auf der Zunge vertreibt die Lust aufs Frühstück. Die Augen tränen vom weissen Licht, vom zu früh geweckt werden, vom Sandstaub, der sich in den trägen Gedanken fest setzt wie Blei und diesen Wahnsinn poliert. Steckbriefe purzeln mir durch den Kopf. Was macht man, wenn einer fehlt, wo ist der Gewinner, oder sind wir alle auf der Looser-Seite, die Trophaen an der Wand? Mitten im Lichtschlitz positioniert sich ein weiterer Deutscher. Der alternde, hinkende Hund führt seinen Herrn mit dem Gesicht einer Ziehharmonika, einer Mülltüte in der Hand und der Hundeleine um den Hals gewickelt, unentschlossen von einer Mülltonne zur anderen, als ob er diesen kleinen Ausgang nötig hätte, oder einfach nur, um in ein Gespräch verwickelt zu werden oder sich anschauen zu lassen von der Morgensonne und den Early Birds in den wehenden, lichtblauen Gewändern, die bereits auf dem Platz sind und ihren Tagesgeschäften entgegeneilen, und ihrerseits den x-beinigen betagten Herrn in kurzen Hosen nach einem möglichen Geschäft abschätzend beobachten. Er ist Rentner und zeitlebens Lastwagenfahrer gewesen. Nun reist er allein, seine Frau bleibt lieber zu Hause. Er habe noch einen anderen Camper zu Hause, aber er reise eben lieber mit diesem, auf den schwarzen, aufgebauten Peugeot deutend, aus dessen offener Türe den Eingang schützend, ein grosses rotes Handtuch baumelt mit einem schwarzen Stier, welches er in Ales auf einer Corrida erstanden hat, wo es doch die Besten gäbe; Stiere, erinnere ich mich Stirn runzelnd, doch er meint Weiblichkeit; seitlich an den Ständen des Kolosseums, wo man die schönen Sachen alle kaufen kann und danach gut essen. Breites Grinsen legt sich auf sein Ziehharmonikagesicht. Meine Gedanken entgleiten mit Band on the run, das aus der Lautsprecherbox rockt neben der Toilette, quer zum Morgen Allah Akbars, der uns unser Los zuweisen wird oder auch nicht. Wenn Gott im Sand steckt, hat er den Pakt geschlossen mit dem Teufel, Seite an Seite, Korn um Korn. Später erzählt mir unser neuer
Leidensgefährte Harald, der sich seit zwei Tagen auf dem Platz eingefunden hat, dass ihn der alte Deutsche in Pornogespräche verwickeln wollte hinter seinem roten Handtuch.

Ein Land für Aussteiger, Geschäftemacher, für Abenteurer oder Einsteiger in Abenteuer, oder solche, die das Abenteuer mit dem Geschäft verbinden. Und alle sind reich und arm zugleich. Die einen ziehen von Norden nach Süden, die anderen umgekehrt. Der Tourismus hat die guten Sitten des Landes bereits verdorben. Seit die Nord-Süd-Tangente fertig gestellt ist vor wenigen Monaten, angeblich aus privater Initiative, ist dem den Reisestrom begleitenden Guides und Händlern keine Grenze und dem Wucher kein Ende gesetzt.

Ich öffne die Vorhänge. Die Augen fassen die ersten klaren Konturen. Wir haben neue Nachbarn. Heute ist der Tag des Herrn. Wir erwarten unseren Mechaniker. Gegenüber vom Platz hat ein Trupp aus Plymouth-Banjul-People mit zwölf seltenen Automodellen über Nacht seine Zelte aufgeschlagen. Gespickt mit Werbeplakaten allerlei Sponsoren und Investoren aus England für Afrika stehen die schönsten der teilweise dreissig jährigen Modelle aufgereiht nebeneinander wie Geschöpfe aus einer anderen Welt. Auf den Dachträgern Reifen, Fahrräder, Rohrleitungen, Benzinkanister und Ersatzteile aller Art, Grössenordnung und Buntheitsgrade, verschnürt mit dem Rest der Vehikel, die man unter der Dachlast gerade noch ahnen kann.

Ein Berliner, der hinter uns sein amifarbenes Zelt aufgeschlagen und erste Wäsche zum Trocknen aufgehängt hat, erweckt einen recht gefährlichen Eindruck mit Amihose und Buschmesser im Gürtel, schwarzem Turban und Wochenbart; Ex-DDR-Flüchtling mit zweiundzwanzig, seither viel gereist. Mit flammenden, stahlblauen Augen erzählt er mir Tage später seine Erfahrung im Stasigefängnis, in dem er eineinhalb Jahre gesessen hat. Schreiner sei er, habe noch richtig iutes Handwerk gelernt, aber das brauche heute kaum einer mehr, da die alten Villen alle restauriert seien; anderer Bedarf seien Fast-Food Möbel a la Ikea, damit wolle er nichts zu tun haben. So sei er ausgezogen in die Welt. Später bemerke ich, dass ich seine Gegenwart enorm genoss, was wohl an wieder aufflackernder Berliner Luft lag, die unversehens in meine Nase zog.

Auf der anderen Seite des Platzes schält sich eine Menschenansammlung aus dem Nichts, das spricht für  Veränderung. Es dauert nicht lange, und unser Mechaniker mit seinem Sohn und einem Kollegen eilen über den Platz zu unserem Camper. Schneller als wir reagieren können, ist der Motor von den gegen den wehenden Sand schützenden Lappen und allerlei Plastik befreit und parat zum Einbau. Wie lange haben wir auf diesen Moment gewartet, nun geht es zur Sache. Das Kind hockt innen vor dem Motor, schätzungsweise nicht älter als acht Jahre, der Vater, vom grossen Samba genannt Le Jeune, liegt unter dem Wagen vor dem gähnenden schwarzen Loch, in das der Motor wieder eingesetzt werden soll. Der einbeinige Dritte, teilnahmslos ans Fenster gelehnt, schaut zu. Im Eifer des ersehnten Wiedereinbaus, der endlich eine Stange Geld verspricht, wird an den Ventilköpfen Russ abgeschabt, gekratzt und gepustet, bis mit Ratschen und allerlei Behelfswerkzeug von Schwindel erregender Herkunft die neue Zylinderkopfdichtung festgezogen wird. Mir wird bange, dem an den Zylinderköpfen herumschabenden Kind möchte ich das Kratzwerkzeug am liebsten verbieten, auch wenn ich kaum Ahnung habe von der Materie und zum ersten Mal die geheimen Windungen des Motors vor mir sehe, die ölüberquellenden Ventile, getränkt in der goldschwarzen sämigen Sauce, die uns tausende von Kilometern weit durch die Lande gestossen haben. Der Russ fällt in die schwarzen Öffnungen wie von einem angebrannten Blechkuchen. Dem klickenden Ratschen ist kein Rhythmus zu entnehmen, keine Systematik der Montage oder ähnlich Vertrauen erweckendes. Mein Verstand schlägt Alarm, doch was könnte ich in diesem Fall bewirken? Le Jeune sagen, dass sein Sprössling was falsch macht? Der würde ohnehin nicht auf eine Frau hören, schon gar nicht auf eine Weisse. Der Einbau verlangsamt sich, zieht sich über den ganzen Vormittag hin; mit der Kamera registriere ich von allen Seiten, die Gelegenheit ist günstig. Mit gutem Legitimationsgrund sind sie alle im Kasten, denke ich, und eigentlich bin ich bereits so verstimmt, dass ich die Kamera auf alles halte, was mir verdächtig erscheint. Davon gibt es mehr als genug, als es dann schliesslich ums Ganze geht. Der erste Test, die erste Umdrehung des Schlüssels in der Zündung, es kracht und funkt einen Höllenlärm aus der Maschine; blauschwarzer Rauch mit Furcht erregendem Rückfeuer, das von nun an kein Ende nehmen will.

Wie ich später erfahre, ist der Grund für das nachfolgende Dilemma eine falsch zusammengebaute Zündkerzenfolge, wobei die Reihenfolge der Zahlen direkt oben am Motor werksgemäss notiert ist. Jedermann weiss das; sogar ich selbst hätte mir einen Zusammenbau dieses eisernen Monsters zugetraut. Le Jeune muss Legastheniker sein. Immer wieder zündet und stöpselt er apathisch in der Dose und streicht sich über den kurz geschorenen Kopf; es knallt erbärmlich. Der Höllenlärm ist unerträglich; mit jeder weiteren Implosion riskieren wir, ein anderes Teil zum bersten zu bringen. Der ganze Innenraum stinkt nach verbranntem Auspuff, blauschwarz die Luft, unglücksgeschwängert. Aber Le Jeune zeigt keine Reaktion, zündet sich eine Zigarette an, und fingert weiter an der Verteilerdose herum, mit der linken Hand den Schlüssel in der Zündung betätigend, wieder und wieder wie ein nicht zündendes Feuerzeug, umringt von dem Einbeinigen und drei weiteren Schwarzafrikanern, die schweigend mit den Köpfen und Händen an den Fenstern hängen, abzuwarten scheinen bis die funkende Hexenküche explodiert, und die brauchbaren Einzelteile in alle Himmelsrichtungen verteilt, oder aber einfach läuft und wir uns in Luft auflösen mögen.

Ich glaube, beides hat in dieser Kultur den gleichen Stellenwert. Ausprobiert wird alles mit allem, entweder es läuft und gut so, oder es läuft nicht, dann auch gut so; dann werden die Teile einfach anderweitig verwertet, Bedarf gibt es genug. Mir wird schwindlig vor Augen. Was, wenn sie bereits einiges ausgetauscht haben dort unten, weggelassen, ersetzt, wo keiner von uns hinschauen kann? Was, wenn der Tauschhandel gerade unter unserem Motor stattfindet? Was, wenn deren mechanisches Verständnis allein dazu dient, die guten Teile gegen unbrauchbare auszutauschen und anderweitig zu verwerten, sodass man erst nach einigen hundert Kilometern liegen bleibt und erneut einen Mechaniker braucht, womöglich mitten in der Sahara? Nicht auszudenken, Devisen, Devisen, mein Hirn brennt durch wie teile des vor sich hin verreckenden Motors, Schauder laufen über meinen Rücken, mir ist glühend heiss. Das kann nicht wahr sein. Die verkohlten, milchblauen Gase brennen in Augen und Nase, ätzen im Gesicht. Le Jeune`s schwarzer, kurzgeschorener Kopf versinkt in den blauen Gasen. Ich sage mehrfach Stopp, offenbar zu zaghaft angesichts des Höllenlärms. Irgendwann schreie ich Philip an, dass er dem planlosen Herumstöpseln ein Ende setzen soll, aber der ist wie parallysiert von dem Geschehen, versteinert in seinem Wunsch nach Vertrauen, das er stur aufrecht erhalten will wie die Fahnenstange der letzten Hoffnung, und steht fassungslos daneben; das geht über eine Stunde so. Ich bin am Rand der Toleranz, bis die Rückfeuerung derart drastisch wird. Kurz entschlossen ziehe ich den Schlüssel aus der Zündung. Schluss und fertig! Ich habe genug! Von diesem Verteilerdosengestöpselvodoo habe ich endgültig die Nase voll. Die Plymouth-Banjul-People gegenüber machen bereits Witze ob des Ernstes der Lage, dass wir etwas verspätet seien für das islamische Neujahr, erzählt mir später unser deutscher Nachbar Harald, der das Geschehen mit anderen Zaungästen aus der Ferne beobachtet, es sei sehr beängstigend gewesen, aber sie hätten sich nicht einmischen wollen. Ihm hat ein Mechaniker in Dakhla eine falsche Kupplung verkauft, mit der er sich zwar fortbewegen konnte, ganze zweihundert Kilometer südlich, aber dann erneut liegen blieb und abgeschleppt werden musste. Seine Gegenwart ist ein wohltuender Beitrag zum Stelldichein der Gestrandeten und der Rastlosen auf diesem Platz. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Wie sich herausstellt, ist er Automechaniker, seit fünfzehn Jahren Afrikatourist und in Liberia verheiratet, wo er vor ein paar Monaten mit seiner Frau ein Stück Land gekauft hat am Meer. Aber in das Handwerk anderer wolle er sich nicht einmischen ohne gefragt zu sein. Ich verstehe. In Deutschland kann ich mit meiner Frau nicht leben, meint er nach drei Jahren des Versuchs, nun wollen wir es in Liberia versuchen. Für mich ist das dort einfacher, als für sie in Deutschland. Seine Augen funkeln, er habe eine Süsswasserquelle auf seinem Land, und wolle die nötige Elektrizität aus dem steten Wind vom Meer gewinnen. Das tönt gut. Für Momente erhellt sich Phils Gesicht. Leider sei der Sack Kartoffeln dem eisigen Wetter in den Pyrenaeen zum Opfer gefallen, die er habe pflanzen wollen, fährt er fort, sie seien erfroren. Die Parallelen zu unseren Träumen sind erneut erwacht. Er träumt nun von Apfelbäumen in Afrika, und denkt über die nötige Winterruhe nach und eine Ballwurfmaschine für Schäferhund Leo.

Die vier Vodoomechaniker haben sich gemütlich auf dem Boden niedergelassen. Da ich sie unerwartet ihrer Arbeit entledigt habe, malen sie mit den schwarzen langen Fingern Kreise in den Sand. Zeichen des Protests? Ihren Gesichtszügen ist keine Spur der Entrüstung oder einer emotionalen Regung zu entnehmen. Die kurzen Wortwechsel unter ihnen zeugen nicht gerade von ermutigender Stimmung, zumal ich alles mit der Kamera notiere, jede Menge Beweise, Beweise. Als das Handy von Le Jeune klingelt, hängt er gleich wieder ein; die Kollegen, die auf der anderen Seite am Eingang des Platzes auftauchen, hängen ebenfalls ihr Handy ein, herbeigerufen, um den Freunden aus der Patsche zu helfen und sie abzuholen. Sogleich springen sie in ihre Schuhe. Ich protestiere, erfolglos. Eilig werden die Werkzeuge geteilt und sondiert. Der Einbeinige, der mir aus seltsamen Gründen sympathisch ist, hat bereits einen Diebstahlversuch im Camper auf dem Gewissen, ausgerechnet nach den dummen Schrauben, mit denen mein Schreibpult befestigt ist; ihn habe ich besonders im Visier, aber eigentlich hätte ich nur gern seine Geschichte gehört über den Verbleib seines Beines. Kommentarlos ziehen die Männer von dannen; zurück in die ölschwarzen Garagen der Nachbarstrassen, aus denen sie kamen, Bericht zu erstatten dem grossen Samba, bei dem sie alle Arbeit gefunden haben und einen Hafen der Zugehörigkeit, der Mercedes heisst. Am Ende der Strasse, hinter dem Müll der Stadt und den Silos, warten sie Stunden später am Gleis, um auf den letzten Zug aufzuspringen, der sie zur Eisenmine bringt nach Choum; jenes einzigen Gleises, der die Barackenstadt mit der schwarzen Sahara verbindet, weit den Schlund in die noch schwärzere Nacht schiebend, Zug um Zug, Kran um Kran. Schwarz der Schwärze willen, der Schlacke aus Eisen und Glut, den Willen der Schwärze zu brechen, sie weich zu machen gegen die Unerreichbarkeit der Sterne und die Unbeugsamkeit der Welt, kochend und speiend, vor dem goldenen Glanz einer Mondnacht in Nouadhibou, in der sich die Mädchen in tagblaue Seide gehüllt mit Sternstaub im Haar der Strasse zum Meer hin öffnen, wie sie sich winden und schwingen, und Gelächter aus ihren Mündern quillt wie Samen aus den Schnäbeln aufgeregter Tauben, die in den Morgen fliegen des Tages danach.



SAMBA
Schwarz wie Kaffee, mit blutunterlaufenen, glasigen Augen und schwarzem Cowboyhut, auf dem in weissen Lettern Cowboy steht, den er aus Louisiana importiert hat obwohl er die Staaten hasst und den Mississippi, bringt Samba seinen weissen Mercedes in einer wogenden Staubwolke zu stehen,  schlurft über den Platz in Richtung Toilette, und ward nicht mehr gesehen.

Während ich unsere drei neuen lettischen Nachbarn zur Linken beobachte und sich meine Nerven bei dieser Beobachtung allmählich beruhigen, als der grösste unter den Kerlen mit weissem Häkelhäubchen auf dem Kopf nach allen Himmelsrichtungen genüsslich und mit geschlossenen Augen die Zähne putzt, den Kopf neigend nach links für die linke Zahnreihe, nach rechts für die rechte Zahnreihe, während auf der Frontablage seines Wagens, ein russisches Modell im amerikanischen Stil von 1965, der Teekessel steamt und die Scheiben vernebelt, haben unsere selbst ernannten Mechaniker bei ihrem rigorosen Vodooexperiment den Verteilerfinger ruiniert; wir brauchen einen neuen. Von Samba keine Spur. Telefone funktionieren plötzlich nicht mehr. Der Verzweiflung sind kaum Grenzen gesetzt. Heute ist der fünfte Sonntag in Nouadhibou. Die Letten verkaufen Phil die rettende Flasche Vodka in Orginal Wüstenabfüllung in Plastikflasche, die ihm geringe Hoffnung gibt, das Dilemma einigermassen unbeschadet zu überstehen. Einer der Typen ist mit dem Orient Express bis nach Sibirien gefahren, und beweist in seiner Erzählung einen ausgesprochenen Sinn für Komik, als er die französ. Rentner, die im Norden Afrikas überwintern, mit ihren Wohnmobilen beschreibt, wie sie sirrend die Satellitenschüsseln nach allen Himmelsrichtungen aufstellen, bevor sie sich auf dem Platz postieren, während sein Kollege aus altem Zeitungspapier eine neue Schuhsohle mit dem eigenen Fuss abmisst, und in Ermangelung einer Schere, die Ecken mit den Fingern umknickt und das lütte Papier im Schuh verstaut.

Philip traut den gebrauchten Ersatzteilen nicht, will lieber über einen anderen Mechaniker eine neue Verteilerdose besorgen lassen, von dem er sich auch einen besseren Preis erhofft. Samba`s Wucherpreis hat westliche Dimensionen erreicht, und das Mass an Toleranz überschritten. Doch als ob das jetzt noch eine Rolle spiele. Überzeugung mimend stimme ich dem Plan zu, einen anderen Mechaniker als Samba mit unserem Problem zu beauftragen, denn wir brauchen einen Mechaniker, der mechanische Probleme lösen und nicht herstellen kann. Ibrahim, Wolf im Schafspelz und ominöser Hüter des Campgrounds, ist überall zugegen, wo er ein Geschäft wittert und Not am Mann ist, um einen Fünfziger extra zu verdienen. Er bestellt uns kurzerhand den Mechaniker des Campings, der allerdings könne sich erst übermorgen ans Werk machen, denn morgen sei Feiertag. Ein weiterer Tag des Wartens und Hoffens geht ins Land.

Am Nachmittag des nächsten Tages erscheint der neue Mechaniker und Samba, den wir seit Stunden versucht haben zu erreichen, gleichzeitig am Platz. Wenn man sich mit dem Teufel verabredet, kann man ihn kaum verfehlen. Von allen Seiten bebellt parkiert der Neue in gebührendem Abstand vor dem schwarzen Zorn auf der anderen Seite des Platzes. Seinen handabweisenden Bewegungen ist eindeutig zu entnehmen, dass er mit Samba nichts zu tun haben wolle. Samba, in seiner Ehre als Chef de la cusine garage mercedes ob dem unerwarteten Wettbewerb restlos beleidigt, springt aus seinem froschgrünen Mercedes, schreit und fuchtelt und lässt niemand zu Wort kommen. Er bellt mit den Hunden um die Wette. Er steigt von einem Bein aufs andere und schippt mit den Sandalenspitzen Staubwolken in die Luft. Er besteht auf der Theorie der Austauschbarkeit der Zündkerzenkabel, das habe nichts mit dem Backfire zu tun, er besteht auf der Richtigkeit der Bestellung der Zylinderkopfdichtung, die habe nachweislich zwei durchgebrannte Stellen; er sei der Chef und lasse sich von niemandem ins Handwerk reden, und das Backfire-Feuerwerk sei normal. Er habe seine Education in Holland an Benzinmotoren gemacht, und er wisse genau, dass die Zündfolge keine Rolle spiele, danach habe er fünfunddreissig Jahre lang Dieselmotoren beim Militär repariert, er kenne alle Länder in Afrika; weiter spezialisiert habe er sich dann auf die örtlichen Dieselmotoren. Er wisse, wovon er rede. Das darf alles nicht wahr sein. Ich versuche mit ihm englisch zu reden, da hebt er erst richtig ab. Er lasse sich nicht ins Handwerk pfuschen und schon gar nicht die Arbeit teilen mit einem anderen. Das sei ein Mangel an Vertrauen. Dabei hat er sicher nicht unrecht, Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Warum mir ausgerechnet auf diesem schwarzen Kontinent all die weissen Sprichwörter in den Sinn kommen, die ich seit Jahren nicht mehr erinnert habe; es ist jedoch nicht die Schuld dieses Kontinents, vielleicht jener, die ihn besuchen. Ohne ein Wort zu verstehen und mit indigniertem Blick steht Le Jeune, der plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht ist, vor seiner grossen Verteidigung, und schnaubt die Nase in den Sand. Samba gerät ausser sich. Schnaubend, mit blutunterlaufenen Augen einer Dogge, stösst er immer wieder provozierend mit dem Finger an Philip`s Schulter, der dabei jedes Mal ein Stück zurückweicht und diesen Gemischtwarenregen aus Rassenhass, verletzter Ehre und männlichem Stolz auf sich herabprasseln lässt, bis Samba wutschnaubend mit seinem Gefolge an Mechanikern und seiner blauen Werkzeugkiste in einer Staubwolke verschwindet. Nun waren`s der Mechaniker bereits drei. Der eine kommt, der andere geht. Die schier nie versiegende Quelle von Automechanikern in Nouadhibou hat Goldgräberqualitäten.

Den ganzen Tag regnet es. Der neue Mechaniker des Campings will erst den Regen abwarten. Wir nicken verständnisvoll die Köpfe, selbstverständlich, den Regen abwarten, arbeiten in der Nässe ist nicht gut, nein, nein, wiederhole ich brummend, als es freundlich an der Tür klopft, um uns die frohe Botschaft zu überbringen, dass der Neue nach dem Regen seine Arbeit aufnehmen wird. Wir kochen Knoblauchsuppe mit Brotresten, die guten Regengeister zu vertreiben und die Kälte aus den Gliedern. Am Spätnachmittag lichtet sich die Lage. Alle Hoffnungen sind nun auf unseren neuen Mechaniker gesetzt, Mohammad der Vierte, genannt Waly. Waly ist gross und behutsam, mit sonorer Stimme erklärt er unser Problem im nu zu No Problem, klopft Philip auf die Schulter, don`t worry, und legt Hand an den Motor, an dessen Weiterleben wir schon kaum mehr geglaubt haben. Jedoch der Motor ist zäher als wir dachten und scheint das Einbautrauma unbeschadet überstanden zu haben; zwar ist das noch nicht ganz bewiesen ist, aber wir wollen fest dran glauben; der Glaube heiligt die Mittel; was an Unglaublichkeit grenzt, war einen vollen Tag lang nackte Wirklichkeit. Im westlichen, ruhigen Tonfall der Überzeugung, wie es unseren müden Ohren schmeichelt, erklärt er kurzerhand, dass die Zylinderkopfdichtung nicht das Problem gewesen sei, die alte sei völlig in Ordnung, nachdem er sie eine Weile hin und her gedreht hatte, dass der Vergaser in Ordnung sei, und beschreibt nachträglich das Problem mit der Mutter, die an den zwei Kerben einrasten müsse, sonst hüpfe der Vergaserfinger immer wieder heraus. Nein, das sei es alles nicht gewesen, das Problem sei der Kühler selber. Dieser sei verrostet, schau mal, und deutet mir durch die Öffnung auf die rostbraunen Schlitze, die aus dem Dunkel der Öffnung hervortreten. In Zeitlupe rolle ich meine Augen in den langen Schlitz und zurück unter die müden Lider. Ich glaube an Spuk, an eine Multiexistenz der Götter und an die Verwandlungskünste deren Lehrer, aber an nichts mehr, was mir einer dieser mechanischen Vodookünstler weismachen will. Die Zylinderkopfdichtung sei nicht das Problem gewesen und wir haben also vier Wochen umsonst verschwendet mit Warten?, das ist zuviel! Der Motor läuft, nun macht man sich am Kühler zu schaffen. Ich muss im eigenen Steckbrief meinen Namen nachlesen, muss die verbrannten Stellen an der Dichtung suchen, muss den Rat der Götter abfragen. Ich schüttele entsetzt den Kopf und schalte die Kamera ab. Der Wahnsinn hat viel Namen, und abertausende Geschwister, aber nur einen Teufel. Die Stunde für eine Teepause ist gekommen. Ich überlasse das Feld den Männern, die zwischen Harald`s Bus und unserem Mercedes hin und her springen wie die tollenden Hunde nach den Spielbällen auf dem Platz.

Mittlerweile wird zum zweiten Mal am Bus unseres deutschen Freundes und Leidensgenossen Harald das Getriebe ausgetauscht. Mit dem Gemüt eines alternden Rottweilers, der sein Revier kennt und während der Zähmung der Bestien im Lauf der Jahre seine Zähne abgeschliffen hat, steht Harald bei mir in der Küche, den Tee abwartend, ein wachsames Auge auf das Geschehen gegenüber gerichtet. Schief und überladen steht sein Bus im Sand. Bis nach Liberia zu seiner Frau will er damit fahren, beginnt er zu erzählen. Das hintere Rad sinkt tiefer in den weichen, sandigen Boden, und gerät in eine bedrohliche Schieflage. In Tanger hätten ihn die Marokkaner nicht einreisen lassen, so sei er den ganzen Weg von Tanger nach Freiburg wieder zurückgefahren und habe den Bus getauscht gegen einen anderen. Seit Mitte Dezember sei er unterwegs, nun ist Mitte Januar. Der benachbarte Engländer springt helfend mit einem Wagenheber zur Seite, das einzige Stück, das an gute europäische Wertarbeit erinnert. Er habe ein Stück Land gekauft, direkt am Meer, mit einer Süsswasserquelle. Er werde den dankbaren Blick seiner Frau nie vergessen. Aus dem steten Wind, der vom Meer her weht, wolle er die nötige Elektrizität gewinnen. Er habe zwanzig Jahre als KFZ-Mechaniker in einer Renault Werkstätte gearbeitet; aber das Leben in Deutschland wäre für seine Frau schwieriger als wenn er in Liberia lebe. Ich höre ihm angespannt zu und beginne gerade, die Ablenkung zu geniessen, als plötzlich draussen lautes Geschrei anhebt. Schnell, schnell, lauf, sage ich zu Harald, der bereits aus der Tür stürzt zu seinem Bus, der das Gleichgewicht verlor und unter lautem Gestikulieren der Männer gestützt wird auf der einen Seite, die von allen Seiten herbei gesprungen kommen und sich gegen die Fallseite des Busses drücken, der in eine bedrohliche Schieflage geraten ist. Ein improvisierter Haufen Steine und übereinander geschichtetes Holz, das als Wagenheber diente, war weggerutscht im Sand, zusammengebrochen unter der Last, sodass das ganze Gewicht zusammenkrachte auf den unter dem Wagen liegenden Jungen, während dieser gerade von unten am Getriebe arbeitete. Dass er nicht bei lebendigem Leibe zerquetscht wurde, grenzt an ein Wunder; doch dazu ist der Dünne bereits zu dünn.

Vielleicht sechzehn, höchstens achtzehn Jahre alt ist er, und sie rufen ihn den Dünnen, Le Maegre; einen anderen Namen scheint er nicht zu haben, noch auf einen anderen zu hören. Offenbar hat er keine Angehörigen. Seinem Boss, dem Mechaniker, der ebenfalls an Sambas Kompetenzen zweifelt, ist er tief ergeben; denn kein Laut des Schreckens, der Klage, der Angst kommt von seinen trockenen Lippen, als er unter den freiliegenden Gedärmen der über ihm zusammen gesackten Last hervor kriecht, kein Wort sagt der Erleichterung, kein Wort der Entrüstung. Ein Aufatmen geht durch die Männer, jedoch keiner spricht mit ihm, klopft ihm tapfer auf die Schulter. Keiner fragt nach ihm. Keiner wartet auf ihn, nicht mal sein Boss, denn er ist immer da. Er rührt sich nicht von der Stelle. Er isst nicht, schläft nicht. Sitzt neben dem Bus, bis in die Nacht hinein, neben ihm eine Flasche Wasser, auf die er deutet, nachdem wir ihn mit fünfhundert Oguya auf Nahrungssuche schicken. Er nickt stumm und dankend und bleibt sitzen. Sein Boss, der Mechaniker, ist nach Nouakhchott gefahren, um ein Teil zu holen, und er wartet. Wartet Löcher in die Zeit und den Sand. Er ist das Negativ der Andern. Er ist der Dünne, mehr Erscheinung als Mensch, was zum Job gehört. Und zum Job gehört, sein Leben zu riskieren in der Eigenschaft, dünn zu sein. Die Augen von einem Sehfehler verdreht, klopft er sich den Sand aus den Kleidern, steht binnen Sekunden wieder auf den wackligen Beinen, läuft einmal um den Bus, um das Gleichgewicht zurück zu gewinnen und setzt seine Arbeit fort. Zwar gesicherter, jedoch mit den gleichen halsbrecherischen Hebebühnen, die allesamt improvisiert sind aus den ausrangierten Getriebeteilen und dazu quer verlegten Holzscheiten, oder lose zusammen gebackenen Ytonsteinen, die im Sand verrutschen und zerplatzen wie Kirschkerne aus der Frucht. Werden sie ungleichzeitig hochgebockt und eine Seite des Wagens auf einer rostigen Türunterseite aufgesetzt, wobei das Gewicht die Tür knarzend nach oben verschiebt, der Rost einbricht, und beinah nicht nur die Tür zusammenschiebt, sondern abermals den ganzen Bus diesmal auf die andere Seite kippen lässt. Wir können nicht mehr zusehen. Le Meagre hat eine Quetschung erlitten. Am nächsten Tag verdreht er eigenartig die Hüfte, wartet, und schweigt.

Waly mittlerweile hat unseren Motor zum Laufen gebracht. Ich kann mich kaum satt hören an dem schnurrenden Geräusch, das immer noch etwas sandig und rauh tönt, aber es tönt gut. Ob der Sand in meinem Ohren steckt oder im Motor oder beides, wage ich nicht mehr zu unterscheiden. Immer wieder zieht er an der Zündvorrichtung um den Motor hoch zu drehen; kein Rückfeuern mehr, kein Stottern, kein Rauch. Die Freudentränen wären kaum zu bekämpfen, wären wir nicht bereits zu erschöpft, zu erschlagen für derartige menschliche Regungen. Wir zeigen Erleichterung. Waly zündet sich eine Zigarette an. Seinen Gesichtszügen sind deutlich Entspannung und Zufriedenheit zu entnehmen. Er lehnt sich in den Sitz zurück und beginnt zu erklären, was er von Europäern gelernt hat, dass der Kühler innen verrostet sei, und deshalb das Wasser nicht richtig ventilieren konnte. Das zweite Problem sei, dass er eine Mutter gefunden habe in der Zündkerzenkapsel, die da absolut nicht hingehöre. Wer immer sie dort hineingesetzt habe, sie habe zur Folge gehabt, dass die Zündfunken fehlschlagen und der Verteilerfinger immer wieder herausgehüpft sei. Hineingesetzt habe? Dem Wort nachlauschen kann es nur einer gewesen sein. Ohnehin müssten wir das Thermometer ausbauen, was alle Afrika Reisenden täten, die Temperatur stiege zu hoch, aber: maniana, maniana. Heute nicht mehr. Auf Phil`s Frage, was er denn vom grossen Samba halte, meint Waly nur, er sei gris-gris, wobei er den langen Daumen und den kleinen Finger weit von der wippenden Hand abspreizt und dabei grinsend die Unterlippe flach ans Kinn legt. Gris- Gris denke ich nachsinnend, das hat etwas zu tun mit einem kleinen Kästchen, in dem der Medizinmann Opferrequisiten aufbewahrt. Ohne mir die Details von Chimpansenpfoten und allerlei organischem Gedärm auszumalen, wird mir einiges klarer. Er wolle noch den Kühler ausbauen und morgen auseinander nehmen lassen.
Die nötige Preisverhandlung, die besser im Voraus als im Nachhinein getätigt werden sollte, verläuft im Sand. Er müsse den Kühler erst abliefern und reparieren, dann könne er Auskunft über die Kosten geben. Ich ahne ein nächstes Übel heraufbeschworen, das die jüngste Erinnerung an den Einbau des Motors weckt, jedoch bevor ich protestierend einschreiten kann, ist der Kühler bereits im pinkfarbenen Kofferraum von Waly`s Ente verschwunden und dieser mit seinem Kollegen davon gedüst. Die Gewitterstimmung ist perfekt. Ein Problem scheint gelöst, nun haben wir ein anderes. Ein Mechaniker kommt, der andere geht. Das Lied hat einen endlosen Refrain.

Ich habe Milchreis gekocht mit Äpfeln, weil mein westlicher Verstand mir sagt, dass der nach viereinhalb Wochen Motorenvodoo glücklich macht. In der Nacht regnet es wieder. Wir machen es uns mit Harald gemütlich, der sich allmählich von dem Schock erholt, dass beinah ein Mechaniker unter seinem Bus umgekommen wäre, und sehr gesprächig wird. Er berichtet von seiner Liberianischen Frau, die drei Jahre während des Bürgerkrieges sich im Wald versteckt hat. Sie habe jetzt noch mit dem Trauma zu kämpfen, schlafe nachts mit Radio ein, um Geräusche des Waldes oder der Tiere zu überdämpfen. Ihm sei dabei einmal passiert, dass er früh morgens aufwachte und glaubte vom Radiowecker geweckt worden zu sein, mit dem er normalerweise seinen Arbeitstag beginnt und er sei aus dem Bett gesprungen unter die Dusche und habe sich eilig angekleidet. Aber er traue seiner Frau, die ihm schon mehrfach das Leben gerettet habe. Ich muss nicht lange bohren, als er mir die Geschichte mit dem Tschik erzählt, einer Art linsengrosser Parasit, der sich unter seinem Fussnagel eingefressen hatte, unsichtbar, schmerzlich, ein tödlicher Nagelgeist. Ich muss Dir den Nagel rausschneiden, sonst stirbst Du, habe seine Frau gesagt. Er, der grosses Vertrauen hat zu seiner Frau, beisst die Zähne zusammen, während sie mit einer Rasierklinge den Zehennagel entfernt und ein linsengrosses weisses Etwas auf den Tisch legt, das immer wieder wegflutscht, einfach nicht zu zerdrücken ist, auch nicht mit Löffeln. Sie machen ein Feuer, legen einen flachen Stein hinein, auf dem das Tschik erst nach einigen Minuten zerplatzt. Etwa ein Jahr später war der Nagel nachgewachsen. Das Vertrauen wurde erneut auf die Probe gestellt, nachdem Harald eines Tages in Togo auf einen Vodoo Markt ging, auf dem sie Körperteile von Menschen als Ritualopfer verkaufen. Seine Frau hätte ihn gewarnt, dort nicht hinzugehen, sie habe ihn mit allen Mitteln davon abhalten wollen, er sei aber trotzdem gegangen und habe ihren Rat nicht befolgt. Nun liessen die schrecklichen Erinnerungen nicht mehr von ihm ab, hingen in seinen Träumen nach. Sie verkaufen Hände und Füsse und andere, potenzversprechende Gliedmassen, die in seinen Träumen über Jahre von der Decke baumelten. Auch einen menschlichen Schädel habe er gesehen. Die Kräfte seien ungeheuer. Wenn er schwer krank sei, und seine Frau empfehle ihm einen Vodooarzt, würde er blind vertrauen.

Ob es an der ersten Flasche Rotwein lag, die wir zusammen seit Monaten an diesem Abend geleert haben, oder daran, dass solche Erzählungen schlechte Träume nach sich ziehen, bin ich am nächsten Morgen mit verdrehtem Nacken und heissem Kopf aufgewacht, in den Ohren den Motorenzauber der Nachbarn, die startklar machen zum langen Trip durch Mauretanien und Mali, bis ans Ende der Sahara. Die Neuigkeit der Nacht und Ergebnis der langen Standzeit: Es raschelt im Schrank. Wir haben ein süsses Haustier, das sich alsbald zum Ruhe raubenden Dämon entwickelt: eine Maus, zwei Mäuse, vielleicht drei? Nachtaktiv und rastlos an Papierrollen, Karton und Plastikgegenständen knabbernd, hat sie offensichtlich den richtigen Durchschlupf zum Brotspeicher gefunden, dabei einige Runden gedreht, und kaum einen Winkel ausgelassen. Den Salzspeicher hat sie auch schon entdeckt. Sie ist ein wahrer Höhenakrobat, und war bereits im Hängeschrank. Nichts ist vor ihr sicher. Mäusedreck überall, in Kümmelgrösse.

Zwinkernd traue ich meinen Augen nicht. Harald`s Bus bewegt sich gerade zehn Meter von der Stelle und bleibt stehen. Das war wohl nichts. Erster und zweiter Gang funktionieren nicht. Die Reifen werden wieder abmontiert, und mit derselben ambulanten Absicherung der Stützen unter dem nachgiebigen Sand werden Getriebe und Antriebswelle wieder ausgebaut. Den rabenschwarzen Gesichtern des Dünnen und seiner Kollegen sind keine emotionalen Regungen zu entnehmen. Sie scheinen müde. Bereits fünf Tage bemühen sie sich um das Getriebe. Es ist nicht ihre Schuld, und sie wissen nicht, wo der Fehler liegt. Harald schlägt vor, die Antriebswellen auseinander zu nehmen. Tatsächlich, seine mechanischen Kenntnisse fördern die letzte Wahrheit zu Tage. Die nüchterne Befürchtung ist traurige Wirklichkeit. In die Gelenkköpfe der Antriebswellen haben Mechaniker in Dakhla anstelle der üblichen Wagenschmiere pfundweise teerartiges Silikon geschmiert, von dem zu erwarten ist, dass es in kürzester Zeit aushärtet, aber immer hin so lange braucht zu diesem Prozess, bis man die nächsten hundert Kilometer gefahren ist. Es ist zum Heulen. Das klebrige ölähnliche Zeugs erstickt jeglichen Verstand, haftet gut und macht die Umdrehungen geschmeidig, sodass man den Anschiss nicht bemerken soll. Wir sind fassungslos. Die Antriebswellen müssen neu besorgt werden in Nouadhibou, denn die sind nicht mehr zu gebrauchen. Doch die  gibt es hier nicht. Mohammad, der Boss des Dünnen tritt die langwierige Reise nach Nouakhchott an, und von dort nach Dakar im Senegal. Der Dünne sitzt wie die Tage zuvor ergeben im Sand, die Wasserflasche neben sich gelehnt, und wartet, bis sein Meister zurückkehrt und ihn erlöst.
Zwei weitere Tage gehen ins Land. Die Mulis blöken durch die Nacht, angebunden an Meister und Mehlsack. Am nächsten Morgen ist Lieferung auf dem Markt.

Am späteren Abend klopft es an unsere Tür, es ist bereits  dunkel. Meister Mohammad ist freudestrahlend aus Dakar zurückgekehrt, und erkundigt sich nach Harald. Ich schicke ihn in die Küche des Campings, in der ich Harald vermute.

Bei uns ist die Stunde der Mäusejagd angebrochen. Es raschelt im Brotschrank, vor dem wir notgedrungen den Bleizusatz für den Motor geparkt haben. Wir rühren uns nicht von der Stelle, ich lege den Finger auf den Mund, pssst, da ist sie, und deute Phil auf die untere Tür zu seinen Füssen, während die andere Hand nach der Taschenlampe greift. Ich reisse die Tür auf; für Bruchteile von Sekunden Aug in Aug mit der Maus, für Bruchteile von Sekunden balanciert sie auf dem Gaskannistergeländer, starrt ins Licht, aus dem ich komme; die weit aufgerissenen feuchten Knopfaugen funkeln mich an, ihr Näschen rümpft sich dem eindringenden Geruch entgegen. Ihre Makellosigkeit, das glänzende, dunkle Fell, ihre Elastizität, ihre Ausdauer, die mit uns auf die Probe gestellt ist, springen mich an, wer zieht den Kürzeren? Ist sie stärker als ich? Ihre Waffen gegen meine Waffen, Schlauheit und Schnelligkeit gegen menschliche Logik? Antreten bitte! Das drohende Gemetzel verspricht nicht gut auszugehen. Der Ring ist 2,20m x 5,70m, mit gesicherter Springhöhe für Mäuse bis zum Küchenschrank. Ich bin ihr so nahe mit dem Gesicht, dass ich mich bereits gebissen fühle und sie an meiner Nase zappeln sehe mit ihren flinken Beinchen und ihrem langen Schwanz, der mir sanft ans Ohr peitscht. Plötzlich macht sie einen Satz und ist auf und davon am Lichtkegel der Taschenlampe vorbei durch den Türschlitz, und in der Ritze unter dem Gascompartment verschwunden.

Unerlaubtes Verschwinden wird als Kriegserklärung geahndet! Gibt es noch mehr der süssen Ungeheuer, die sich mittlerweile in den Sahararhythmus des Campers eingeschaukelt haben? Ist sie multiplizierbar mit drei, gibt es vier mal vier Beinchen, die durch zwei Schränke und drei Truhen jagen und vier mal vier Zähnchen, die sich durch jede Öffnung beissen und wer weiss was noch anrichten können. Das Echo tönt aus allen Ecken. Sie fiepsen in der Nacht; was sich wie Schnupfen anhört oder eine Mäuseerkältung, ist vermutlich Kommunikation untereinander über den wunderbaren Brotspeicher, der sie die grässliche Knallerei unseres Motors vergessen lässt. Sie müssen ein wahres Trauma durchlitten haben. Sie räuspern sich, schaben und kratzen munter durch die Nacht und unseren Schlaf, als wäre nichts gewesen; das Mitleid ist auf der falschen Seite. Die Mäuse beweisen sich als reisefertig, durchgeschüttelt und silvesterfest. Sie sind knall erprobt und CO2 resistent; ausserdem schätze ich sie wohlgenährt und kräftig. Unser Motorenvodoo hat offensichtlich keine abschreckende Wirkung gezeigt; nichts kann sie
einschüchtern, vertreiben; nun steht uns das Mäusevodoo bevor. Wir müssen sie so schnell wie möglich loswerden. Der Schaden ist weder einzugrenzen noch abzusehen.

In einer vorgetäuschten Killerlust werde ich kreativ. Ich habe eine Falle ausgeheckt. Ich plaziere einen Eimer der Länge nach in den Lieblingsschrank der Maus, in dem die klebrige Falle liegt; am Ende des langen Eimers klebt ein grosser Brotbrocken als Lockmittel, in der Hoffnung, dass sich die Geruchszonen durchmischen und der Duft des Brotbrockens dominiert. Phil hat das Zeugs chinesischer Herkunft auf dem Markt in Nouadhibou gekauft. Die Gebrauchsanleitung auf der Rückseite der Packung ist atemberaubend einfach: die beiden Papierteile auseinander ziehen und die klebrige Todesfalle über Nacht in der Mäuse Lieblingsschrank plazieren. Am nächsten Morgen Maus aus dem Papier entfernen und Vorgang wiederholen, wobei die chinesische Skizze eine Mauszange benutzt, die ebenfalls auf dem Markt erhältlich ist. Allerdings ähnelt dieses Todeswerkzeug eher einer Gabel. Ob es an Mangel an Begeisterung lag oder an meinem Unmut am Töten im Allgemeinen, der versprochene Erfolg hat sich in dieser Nacht nicht eingestellt.

Der Morgen nach dem ersten Tötungsversuch.
Ein junger circa sechzehn jähriger Mann mit schwarzem Turban und Kautabakstengel zwischen den Lippen liegt bereits unter dem Motor, noch ehe ich die Augen geöffnet habe. Am rechten Fuss trägt er einen Sportschuh von Niki, am linken eine Birkenstocksandale. Waly kauert im Motorraum und dirigiert seinen Gehilfen auf der anderen Seite, den rostgereinigten Kühler von unten zu verschrauben, während er gleichzeitig bemüht ist, mit einer Hand seinen Turban nicht in den Sand fallen zu lassen. Waly von innen, schraubt und dreht in einer mir nicht zugänglichen Tiefe des Motorraumes, bis er schliesslich den Anlasser betätigt. Der Motor startet, läuft einwandfrei, es ist nicht zu fassen. Nach einer kurzen Probefahrt, in der Wolfsschaf Ibrahim mit Philip Kühlmittel kaufen geht, eine Flüssigkeit im gleichen verdächtigen Lichtblau der Kaftane, bekommt Waly seine fünfundzwanzigtausend Oguya und zieht freudestrahlend von dannen. Wir tauschen noch das gesamte Wasser des Kühlers gegen das eisblaue Kühlerwasser aus den Plastikkanistern, unverdünnt, wie es auf der Rückseite angeraten wurde, und machen eine weitere Probefahrt in Richtung Bahnstation, an der heute mehr Ziegen warten als Menschen. Doch zu früh gefreut. Wir erreichen kaum die Gleise nach wenigen hundert Metern, als sich ein unüberhörbares Klappergeräusch bemerkbar macht. Wir werden nervös. Auch ist der Temperaturanzeige nicht eindeutig zu entnehmen, ob sie nun eingebaut oder bereits ausgebaut ist; der Pegelanzeiger klettert auf vierzig Grad und mehr. Phil schaut sich die Sache an und stellt fest, dass die Verankerungsschrauben des Kühlers nicht angezogen sondern nur lose hineingesteckt waren. Er ist in rage; hätte er nicht das Geräusch wahrgenommen und wäre skeptisch geworden, der Kühler hätte sich beim nächsten abrupten Bremsen aus der Verankerung gezogen und wäre in weniger als hundert Metern in den Propeller des Motors gekippt. Alles andere erübrigt sich von selbst. Der Schaden wäre grösser denn je zuvor. Unsere Fassungslosigkeit kennt keinen Boden mehr und keine Gnade. Wir fahren zurück auf den Platz. Die Sache ist heiss. Phil wittert Schlimmstes, dass man uns erneut hereingelegt hat; ich male mir aus, dass sie uns den Kühler ausgetauscht haben gegen einen alten, bei dem die Temperaturanzeige nicht funktioniert, da sich die Nadel um keinen Zentimeter über den normalen Bereich bewegt. Der Paranoia ist Tür und Tor geöffnet. Unsere Nerven sind blank. Fest steht, keine der ortsansässigen Vodookünstler wird je wieder Hand an den Motor legen, so wahr uns Gott helfe. Phil schraubt den Kühler erst lose, um zu prüfen, ob das auch unser eigener ist, aber es sieht ganz danach aus, und montiert das Teil fest hinter der Motorhaube.

Eine weitere Probefahrt folgt, und immer noch haben wir ein eigenartiges Klappergeräusch im Ohr, nur rauher, unbestimmter, bis uns klar wird: unser Motor tönt nach einem hechelnden Volkswagen Motor, nicht nach dem vor sich hin schnurrenden Mercedes Benziner, dessen Geräusch ich im Schlaf vor mir her schnurren könnte. Wir besprechen dieses Problem mit Harald, der vom Fach ist. Ergebnis der langen Untersuchung: Philip nimmt den ganzen Motor wieder auseinander. Mit aller Vorsicht und Konzentration, die ihm in der Stunde der letzten Verzweiflung übrig geblieben ist, werden in der Verteilerdose die Unterbrecher Kontaktabstände neu gemessen, die Muttern der Zylinderköpfe neu angezogen Dank Harald, der das passende Werkzeug dafür mitgebracht hat, der Kompressionsdruck gemessen, als auch die Grundeinstellung des Zündzeitpunkts neu ausgerichtet. Die Ölhahndichtung habe ich in der Not noch schnell selbst hergestellt aus dem mitgebrachten Blei, das wir in Frankreich einmal der Absicherung des Batterieladegerätes wegen gekauft haben. Phil lobt meinen praktisch graphischen Verstand, der bei all dem mechanischen Vokabular von einem Schwindelanfall zum nächsten taumelt. Jeder kleinste Rest an Material liefert einen Beitrag zum Überleben, allein Allah kann Wunder bewirken; wie oft er durch wessen Hand davon Gebrauch macht, ist eine Frage der Mechaniker.

Die Tage des Bangens und der Ungewissheit ob eines glücklichen Ausgangs sind gegen Null geschrumpft. Die Testfahrt tags darauf lässt den letzten Zweifel versiegen; der Motor läuft  einwandfrei. Ob er längerfristigen Schaden genommen hat, mag sich erst nach einigen tausend Kilometern herausstellen. Wir gewinnen zunehmend den Eindruck, dass man uns allmählich loswerden will. Selbst in Nouadhibou Stadt geht bereits die Kunde von unserem Problem; wohl der einzige Mercedes mit Benzinmotor, ja ja, hier fahre man Dieselmotoren, wippt uns Wolfsschaf Ibrahim mit dem Finger an die Windschutzscheibe, sichtlich erfreut, dass die Kiste wieder läuft, da er nun entscheidend dazu beigetragen hat; umgeben von einem Heer an blauen Kaftangesichtern in bester Händlerlaune, die gerade ihre letzte Chance sehen, uns etwas zu verkaufen, allerdings nicht zum ersten Mal. Ibrahim signalisiert Philip, dass er persönlich Samba bezahlen wolle, und er solle ihm das Geld geben, immerhin habe Samba den Motor ausgebaut und das Problem entdeckt. Vor lauter Angst, von mir gebroadcasted zu werden, was er eingangs triumphierend  voller Stolz verkündete, er käme jetzt europaweit ins Fernsehen, will er also das Geld von Ibrahim erhalten. Der mächtigste Mann der schwarzen Garagen Nouadhibous fürchtet die Rache des Fernsehgottes, dessen Gunst er zornerfüllt verspielt zu haben glaubt. Als ich zur Toilette  gehe an diesem Mittag, finde ich ein kleines blauweiss gestreiftes Kästchen auf dem Fenster stehen, das in unsere Richtung offen steht, oberhalb der Wasserspülung. Ich blicke gebannt auf das kleine Kästchen, nehme es in die Hand. Die Mittagsonne fällt auf meine Hände und direkt in den geöffneten, wackeligen Deckel, der mit kleinen Zeichen bekritzelt ist und aus dem purpurne, schmierige Stofffetzen ragen, auf ein zehengrosses verkohltes Stück Holz, oder eine holzartig verkohlte Zehe?, rissig und dunkel, einen trockenen Mumiengeruch absorbierend. Mit weit aufgerissenen Augen, das dumpfe Schicksal ahnend in Sekundenbruchteilen, kann ich im Nachhinein nicht entscheiden, ob jener Geruch meiner Wahrnehmung entströmt ist, oder aber tatsächlich dem Kästchen. Der Reflex meines Zeigefingers, der eilig den Deckel zuklappte, war schneller, als mein analytischer Verstand gebraucht hätte, diese Frage zu klären. Mit einem nachdrücklichen Ruck postiere ich das Kästchen zurück in den Tabernakel der Fensterablage wie einen Kelch nach der Kommunion, und verfehle dabei die flache, rutschige Ablage um wenige Zentimeter, sodass das Kästchen auf den Boden schmettert mit dem gleichen Getöse, wie es mir noch von dem Rückfeuer unseres Motors im Ohr liegt. Dabei rollt die schwarze Zehe direkt ins schwarze Loch der Toilette, wo sie plumpsend und blubsend verschwindet. Die schwarze Messe ist vorbei, aufgelöst in Schall und Rauch.

Mein Pulsschlag erhöht sich, nachdem ich langsam beginne, wieder normal zu atmen. Meinen Händen ist die sandige Trockenheit gewichen; sie müssen etwas berührt haben, dass das organische Leben auf unfreiwillige Weise verlassen hat; ein bebender Hauch glüht in meinen Fingerspitzen, als ich zurück laufe zu Phil und den anderen, die immer noch um unseren Camper herum stehen und mit wohlwollenden Vokabeln alle Mechaniker von Nouadhibou loben angesichts der Verhältnisse und der schwierigen Umstände, ein halbes Jahr nach dem Regierungsputsch, bekräftigend unter ewigem Lächeln, dass das alles No Problem sei.

Unserem Freund Harald sind mittlerweile die Antriebswellen für seinen Bus geliefert worden. Der Einbau zum Glück verläuft ohne weitere Komplikationen; auch er kommt freudestrahlend von seiner Testfahrt zurück. Seine Frau habe er schon angerufen und ihr berichtet, dass alles in Ordnung sei und er nun die Weiterreise antreten könne. Über Nacht bestätigt sich, auch das Mäusevodoo hat sich verflüchtigt. Die reisefreudigen Mäuse haben das Weite gesucht; seit drei Tagen schlafen wir in raschelfreier Zone. Morgen, wenn die Nacht uns neue Kraft schenkt und der Ruf der Weite den müden Geist besiegt hat, wollen wir gemeinsam weiter ziehen gen Ende der Sahara Occidental und der Grenze zu Mali, in Richtung Sierra Leone.





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MOTORENVODOO



© 2004-2006 Brigitte Uttar Kornetzky